Wenn Waren mit der Zeit verderben, so die Grundidee, muss auch das Tauschmittel an Wert verlieren. Das so konzipierte „Schwundgeld“ verliert im Quartal zwei bis drei Prozent seines Wertes. Durch ein aufklebbares Märkchen kann man es einfach wieder aufladen. Wenn man Geld als Infrastruktur ansieht, fällt für seine Benutzung eben eine Gebühr an.
Warum das? Normales Geld, wie wir es kennen, ist untrennbar mit der Zinswirtschaft verbunden. Geld auszugeben, das man nicht hat, bringt Verlust. Geld, das man hat, nicht auszugeben, bringt Gewinn. Die Leute, die Geld benutzen wollen, müssen deshalb eine Mehrleistung zugunsten derjenigen erwirtschaften, die Geld nicht gemäß seinem ursprünglichen Zweck benutzen wollen. Dies führt dazu, dass herkömmliches Geld dazu neigt, gehortet zu werden, sich irgendwo anzuhäufen, während es woanders fehlt – und immer dorthin zu streben, wo der höchste Profit lockt. Regionale Währungsvereine wollen nun zurück zum „gesunden Geld“. Sie drucken Gutscheine, die im regionalen Kontext die Funktion eines Zahlungsmittels erfüllen sollen. Und damit dieses „Freigeld“ schön im Umlauf bleibt, schmelzen gehortete Beträge spürbar zusammen: Am meisten hat man von diesem Geld, wenn man es bald wieder ausgibt. Dies führt dazu, dass diejenigen, die sich damit bezahlen lassen, sich beeilen, sich damit zügig wieder etwas anderes zu kaufen. Das Geld bleibt im Fluss, wechselt viel häufiger seinen Besitzer und setzt dadurch ein Vielfaches an Kaufkraft frei. Und es fließt nicht ab.
Weltweit gibt es derzeit gut 2.700 solcher Ortswährungen und Verrechnungssysteme, sie heißen „Kirschblüten“, „Triestingtaler“, „Rheingold“ oder „Hansemark“. Mit ihnen kauft der Schreiner beim Bäcker ein, der geht damit zum Müller und der Müller zum Schuster. Die Umlaufsicherung wird stets mit einem eingebauten Negativzins (Demurrage) gesichert. Alle drei Monate verliert das Geld zwei Prozent seines Werts. Diese Zwei Prozent müssen mit einem Wertmärkchen wieder draufgeklebt werden, damit der Schein wieder seinen ursprünglichen Wert hat.
In Zeiten einer internationalen Finanzkrise mehrt sich zwar die Kritik am herrschenden Geldsystem. An eine Reform des Euro nach Gesell-Muster glaubt indessen niemand, auch nicht bei den regionalen Initiativen. Doch nur dann könnte das Freigeld-Konzept wirklich greifen, behauptet Friedrich Baumann, der für den geplanten „Westallgäuthaler“ eine Machbarkeitsstudie durchgeführt hat. „Eine natürliche Wirtschaftsordnung mit zinsfreiem Geld, wie sie von Silvio Gesell vorgeschlagen wurde, funktioniert nur als offizielle Währung“, sagt Baumann. Trotzdem formieren sich die regionalen
Freigeldprojekte.Verschwistert sind sie mehr oder weniger mit der Tauschringbewegung, die ebenfalls auf regionale Wirtschaftsbelebung und eine Überwindung des Zinssystems abzielt. Da das Monopol des Euro nicht angegriffen wird, sind die Zwergwährungen nicht zu knacken. Rechtsgutachten weisen darauf hin, dass vereinsinterne Komplementärwährungen dem Geldmonopol nicht entgegenstehen und im übrigen Privatsache der Teilnehmer sind. Denn allen Regio-Währungen ist gemeinsam, dass sie ausschließlich für Mitglieder gültig sind, somit stellen sie nicht einmal ein öffentliches System dar.
In Bielefeld gab es schon um 1900 freies Geld und seit der Euroeinführung gibt es hier den „Bethel-Euro“. In der Schweiz funktioniert seit 70 Jahren das WIR-System, zu dem etwa 60.000 Firmen gehören, die ihre Geschäfte untereinander mit dem Buchgeld „WIR“ verrechnen. Das bedeutendste historische Beispiel aber ist die österreichische Erfolgsgeschichte aus Wörgl. 1932 wurde in dem kleinen Tiroler Städtchen ein Freigeldprojekt begonnen – mit gewaltigem Erfolg. Das Freigeld bestand in „Arbeitsbestätigungen“ zu je einem, fünf und zehn Schilling. Während der Wirtschaftskrise senkte man damit die Arbeitslosigkeit um 16 Prozent, während sie im Rest Österreichs um 19 Prozent stieg. In den 13,5 Monaten bis zum Verbot setzte jeder Freischilling das 73-fache seines Werts an Waren und Dienstleistungen um. Der „richtige“ Schilling bewegte im selben Zeitraum nicht einmal das Neunfache seines Werts. Während die Nationalwirtschaft auf Grund der Krise gelähmt war, sprang das Freigeld von einem Projekt zum nächsten, über der Gemeinde ging ein warmer Regen aus Steueraußenständen nieder.
Zumindest die Beflügelung des örtlichen Wirtschaftstreibens dürfte auch heute noch funktionieren. In den USA führten zwischen 1932 und 1937 mehrere hundert Gemeinden und Städte Freigeldvarianten ein, so genannte „Scips“. Diesmal war es Franklin D. Roosevelt, der auf Druck großer Finanzinstitute die erfolgreichen Projekte untersagte. In Deutschland wurden zwischen 1929 und 1931 diverse Freigeldprojekte begonnen, unter anderem in Berlin, Gera, Schwanenkirchen und Ulm. Alle wurden nach kurzer Frist durch die Reichsregierung untersagt. Die Gegenwart, ebenfalls krisengebeugt, sieht allerorten neue Freigeldprojekte entstehen.
Allein in der Bundesrepublik sind 28 Regio-Währungen in Betrieb, in Österreich gibt es momentan drei. In Bremen, Gießen, Berlin, an der Triesting, in Wolfratshausen und der Hallertau, in Kiel und anderswo kann man bereits mit Regiogeld einkaufen. Gemeinsames Ziel ist es, geschlossene Wirtschaftskreisläufe zu etablieren und die Wirtschaft vor Ort zu fördern. So will man nicht zuletzt auch zur Sicherung der Arbeitsplätze beitragen. Gegenwärtig laufen in Deutschland und Österreich noch unter 130.000 Regioeinheiten um.
Wie die Süddeutsche Zeitung herausfand, sieht die Bundesbank derzeit keine Gefahr für den Euro und geht nach Auskunft eines Sprechers nicht gegen die Regio-Initiativen vor. Solange die Zwergwährungen Vereinssache sind und sich im Mikrorahmen bewegen, kann sie das auch gar nicht. In den nächsten Jahren werden noch viele weitere Regioprojekte entstehen, die alle zusammengenommen einen beachtlichen Nebeneffekt haben: nämlich die praxisbezogene Unterrichtung breiter Bevölkerungskreise über die Art und Funktionsfähigkeit desjenigen Geldes, das nach dem Kollaps der heutigen Finanzsysteme eingeführt werden könnte. Wie wahrscheinlich das ist, zeigt sich beispielsweise an dem Beschluss der japanischen Regierung, Barvermögen besteuern zu wollen. Dieser Schritt würde den Yen schlagartig zu Freigeld machen. Wenn diese umsetzungreguliert wäre, könnte die Wirtschaft damit innerhalb kurzer Zeit auf Steigflug gehen.
Doch auch ohne die Bargeldsteuer kommen die Japaner schon seit Jahren auf den Geschmack des Freigelds. Die Warenpreise sinken und sinken, dementsprechend horten die Menschen ihre Barvermögen in der Hoffnung auf weiter sinkende Preise. Verwendet man jedoch nicht das offizielle Geld, sondern einen Gutschein über eine Dienstleistung, bekommt man dafür stets das gleiche – die Deflation ist durchbrochen. Und Tauschringe dieser Art existieren auch schon bei uns.
Informationsseite zum Regiogeld: www.regiogeld.de
Einige Initiativen in Auswahl:
Der Bremer Roland, www.roland-regional.de
Der Chiemgauer, www.chiemgauer-regional.de
Regio Oberland, www.oberland-regional.de
Der Sterntaler, www.sterntaler-regional.de
Hamburg: Die Hansemark, www.hansemark.de
Der Berliner, www.berliner-regional.de
Der Justus, www.justusbuendnis.de
Aus dem Hopfenland: Der Hallertauer, www.hallertauer-regional.de
Der Waldviertler, www.waldviertler-regional.at





























