Ich springe sofort auf, als der Wecker klingelt. Nein, heute gibt es keine Schonfrist, keine sieben Minuten Schlummeraufschub, keine Räkel-Verlängerung. Ich flitze unter die Dusche, lasse mir eiskaltes Wasser über Gesicht und Körper rinnen, bis ich es nicht mehr aushalte. Ich putze mir die Zähne, versuche, die zerzausten Haare ein wenig in Form zu bringen, springe raus aus dem Bad und rein in die Jeans. Nix mit der bequemen Haushose! Fix und fertig (im doppelten Sinne) setze ich mich hin – und warte.
Es ist zwei Minuten nach halb acht. Ich bin bereit. Schließlich war da dieser kleine Zettel an der Haustür. „Zwischen _ und _ Uhr kommt Ihr Schornsteinfeger.“ Mit der Hand sind die Zahlen 7.30 und 11 eingesetzt. Also – ICH bin pünktlich!
Wie aus dem Frühstücksei gepellt sitze ich am Tisch. Nicht, dass jemand denkt, ich hätte ein Auge auf den Mann geworfen – ich kenne ihn ja gar nicht. Es ist nur der schaurige Gedanke daran, wie viele fremde Menschen meinen Schlafanzug kennen. Nur weil man ab und an mal länger schläft oder einen Vormittag zu Hause herumtrödelt. Postboten, Handwerker, Stromableser, die Zeugen Jehovas und Vertreter von Telefongesellschaften oder Staubsaugern, der Messerschleifer und – meine besonderen Lieblinge – die Paketdienste. „Können Sie das für die Nummer 3 entgegennehmen?“, höre ich, während ich mit der Haustür wenigstens die olle Pyjamahose zu verstecken versuche. Auch die Nachbarn selbst sind immer willkommen. Schließlich springe ich gern aus der Badewanne, wenn einer vergessen hat, Milch zu kaufen. Oder sein Paket abholen will.
Der Schornsteinfeger ist um halb neun noch immer nicht da. Und um neun auch nicht. Die Zeitung habe ich schon ausgelesen. Die Betten sind gemacht. Im Garten zu arbeiten traue ich mich nicht, weil ich sonst vielleicht das Klingeln nicht höre.
Mir ist langweilig. Darauf war ich nicht vorbereitet, weil ich ja so gut vorbereitet war. Ich gucke aus dem Fenster, aber dadurch kommt der Man in Black auch nicht schneller. Nicht mal ein Kleintransporter mit meinen oder fremden Päckchen ist zu sehen. Geschweige denn die Sternsinger. Ich setze mich aufs Sofa und starre an die Wand.
Der Schornsteinfeger klingelt schließlich um zehn vor elf. Ich muss doch tatsächlich kurz eingenickt sein. Die Haare sind nun windschief, die Schminke verwischt und meine Stimme eingerostet. „Oh, das tut mir aber leid“, entschuldigt sich der Herr freundlich für die Störung. „Haben Sie denn die Terminankündigung nicht gesehen?“







