Die Beziehung ist etwas abgekühlt: Er ist nicht wirklich schön. War er eigentlich nie. Und alt ist er auch schon. Aber praktisch. Wir haben uns aneinander gewöhnt, in den letzten fünf, zehn, fünfzehn Jahren. So lange kann eine Übergangslösung schon mal dauern. Und mal ehrlich: Gab es bei einem Einkaufsbummel durch mehr oder weniger teure Möbelhäuser auch nur irgendeinen halbwegs guten Ersatz für den kleinen Schuhschrank? Nein. Also blieb er, wo er war.
Aber jetzt, bei genauerem Hinsehen, sind doch schon ein paar grobe Macken zu erkennen: die Farbe ergraut, zum Teil abgesplittert, überhaupt ein bisschen aus der Mode gekommen. Aber weggeben? Wohin dann mit den vielen Schuhen im Flur? Kann man später immer noch. Vielleicht hilft ein neuer Anstrich in den Modefarben des Spätsommers: Orange oder lila? Nein, dunkelgrün soll es sein.
Also los: Schleifmaschine raus und wummern lassen, bis die Handgelenke schmerzen. Dann wird gesaugt, geputzt, geschrubbt. Trocknen lassen. Grundierung auftragen. Wieder trocknen lassen, wieder Grundierung auftragen. Sieht in Weiß übrigens auch ganz gut aus.
Dabei lernt man das Möbelstück so richtig kennen: jede schiefe Schraube, hinten beim Bein ist ja ein kleines Astloch, die Rückwand ist unsauber geschnitten – was war das denn damals für ein Handwerker? Sinnfragen kommen auf: Wo kommst du her, mein Schuhschrank, wo gehst du hin, was hast du alles schon erlebt?
Dann der erste grüne Moment. Ein Schreck, Zweifel, die Gewissheit, dass nun doch das absolute Ende des bewährten Möbelstückes naht. Hat es das verdient? Dann rinnt auch noch der
Lack – Tropfenbildung – jetzt ist alles hin. Nun gut, die Seite steht ja ohnehin an der Wand. Nächste Seite, jetzt die Türen vorne. Langsam setzt Routine ein, und die neue Farbe beginnt auch schon zu gefallen.
Eine Woche später ist das gute Möbelstück wie neu. Grün bringt neuen Glanz in unsere Hütte. Kleine Schönheitsfehler haben sich zu den alten gesellt. Und doch habe ich ihn plötzlich sehr, sehr lieb gewonnen. Stolz präsentiere ich ihn jedem Gast, der ihn sehen will oder nicht. Ich frage nicht, ich zeige ihn einfach her – mit geschwellter Brust: Er ist jetzt mein Schuhschrank!
Nachdem der Schrank nun fertig renoviert ist, ist mir doch etwas langweilig. Ich denke daran, ein Buch zu schreiben. Vielleicht einen Ratgeber, wie man abgeflaute Beziehungen wieder auffrischen kann. Der Titel: „Einfach grün streichen!“







