Jetzt bin ich nicht mehr einsam. Fast jeden Abend bekomme ich eine Einladung – zum Online-Spielen oder zum Fernsehen. So muss ich nicht allein auf meinem Sofa sitzen und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gucken. Stattdessen habe ich meinen Laptop auf dem Schoß und ein Chat-Programm eingeschaltet. Was für eine tolle Gemeinschaft: Die wissen alle, was in Folge 4.456 passiert ist. Und man kann öffentlich: „Ach wie traurig, er liebt sie doch so!“ seufzen. Und wenn man so richtig deprimiert ist, tröstet sicher einer der neuen, guten Freunde, zum Beispiel „Sabine_G“ oder „tollerhecht_33“. Da steht dann plötzlich ein tröstliches „Die kommen schon noch zusammen“ auf meinem Computer. Beruhigend, oder?
In Amerika ist das alles noch viel weiter verbreitet. Erst die Verabredung zum gemeinsamen TV-Abend per Twitter, dann Fernseher an, Headset auf und per Skype geht es in den Gruppenchat. Besonders beliebt: ein Freund von der Westküste, der aufgrund der Zeitverschiebung die Lieblingsserie schon ein paar Stunden früher gesehen hat – und nun gute Kommentare geben kann. „Jetzt hört genau hin, das ist der Hinweis auf den Mörder“. „Super, danke, vielleicht sagst du gleich, wer es ist“. „Der Ehemann war’s“. Idiot! Ich wollte es nicht wirklich wissen.
Erfreulicherweise kann man den neuen Freund wieder löschen. Bei 300 oder 3.000 ist das nicht so schlimm, wenn man einen streicht. Aus „peter63“ wird schnell „schneehase“.
Manchmal kommt man mit der Verwaltung allerdings kaum hinterher. Einen ablehnen, eine neue Anfrage, Verabredungen zu- und absagen, chatten, mailen, twittern - wann komm ich eigentlich endlich dazu, in Ruhe GZSZ zu gucken? Mit einer schönen Packung Chips auf den Knien? Ich habe schon Folge 4.457 verpasst und von 4.458 nur die Hälfte mitgekriegt.
Eigentlich ganz schön anstrengend, so mit 300 oder 3.000 Freunden. Softwarefirmen entwickeln gerade Programme, wie man sich selbst aus dem Internet löschen kann. Eine Art virtueller Selbstmord. Account gelöscht, auf allen Portalen gleichzeitig. Keine Einladung mehr, keine 300 Freunde mehr.
Stattdessen rufe ich meine drei Kumpels an. Sie kommen vorbei zum Fernsehgucken. Es ist etwas eng auf meinem kleinen Sofa. Aber die Chips schmecken köstlich.







