Der Latte-Macchiato ist kein Kaffee, sondern ein Naturphänomen. Deshalb ist er es durchaus wert, dass man ihn einmal wissenschaftlich betrachtet.
„Der Latte“, wie man ihn coolerweise bezeichnet, weil man den zweiten Teil ohnehin nicht aussprechen und schon gar nicht buchstabieren kann, breitet sich aus wie ein Virus. Oder gar ein Erdbeben. Er ist unaufhaltsam und wirkt ziemlich flächendeckend. Das Epizentrum liegt stets in der Stadtmitte. Business-Leute tragen „das Milchkaffee-ähnliche Getränk“ dort meist in Pappbechern mit Plastikdeckeln behutsam über die Straße in Richtung ihres Büros. Vorteil: Selbst wenn man den Latte neben dem Computer umkippt, kleckert dank des Deckels nur wenig in die Tastatur. Das hat wohl seinen Siegeszug beschleunigt.
Dann geht es in konzentrischen Kreisen, ähnlich einer Wellenbewegung, vom Stadtzentrum nach außen. Von Mitte nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain, um es Berlinerisch zu sagen. Oder in Hamburg ins Schanzenviertel: Szene pur, der hellbraune Kaffee im Glas ein unumgängliches Accessoire. Auch wenn er dort Galao heißt, da Hamburg fest in portugiesischer, und nicht in italienscher Hand ist.
Mit Italien hat das Phänomen ja auch nicht mehr allzu viel zu tun. Bis auf die Aussprache: [lat:e ma’k:ja’to] – war das jetzt hilfreich? Das heißt übersetzt „befleckte Milch“ und war ursprünglich ein Getränk für Kinder. Die dürfen hier zu Lande nur mit großen Augen zugucken, wenn Papa genüsslich den Milchschaum vom langen Löffel schleckt.
Auch einen Strohhalm bekommt man nicht. Dafür ein hohes, schlankes (keineswegs kippsicheres) Glas, in dem sich die drei Schichten aus heißer Milch, Espresso und Milchschaum zunächst wenig vermischen. Der Espresso bleibt über der Milch, weil er eine geringere Dichte… bla, bla, bla. So wissenschaftlich muss es nun auch wieder nicht sein, oder?
Das Zeug soll ja schließlich noch schmecken. Das tut es. Und ein Lebensgefühl vermitteln. Das tut es auch. Meistens. Mittlerweile sogar schon außerhalb der Szeneviertel. Denn die Wellenbewegung hat sich fortgesetzt und ist in der Vorstadt angekommen. In den Einkaufsstraßen der beschaulichen Stadtrandviertel gibt es sie plötzlich: Die kleinen, netten Cafés mit Retro-Lampen und alten Sesseln. Serviert wird: Latte Macchiato. Was sonst? Ein bisschen Downtown in Uptown. Sitzen, Zeitung lesen, genießen. Herrlich, dass man dafür nicht mehr „in die Stadt“ fahren muss.







