Herr Kruse, Sie haben vor kurzem die Wertevorstellungen der Deutschen erforscht. Wie tickt dieses Land?
Peter Kruse: Das Land befindet sich mitten in einem Turnaround seiner Wertemuster. Die Menschen waren jahrelang zu stark auf persönlichen Spaß und Maximierung ihrer eigenen Möglichkeiten bedacht; alles sollte gut, günstig und bequem sein. Jetzt merken sie, dass diese Tendenz begonnen hat, sich gegen sie zu wenden, da die sich breit machende Discount-Mentalität letztendlich dazu geführt hat, die Reichhaltigkeit der Kultur zu verringern. Alles scheint trivialer und gleichförmiger geworden zu sein. Der Eindruck eines zunehmenden Substanzverlustes drängt sich auf.
Das klingt nach der alten Klage „früher war alles besser“.
Kruse: Sicher, so kann man das interpretieren. Aber es ist zu kurz gegriffen, aus einer aktuellen Problemwahrnehmung zu schließen, dass die Menschen glauben, dass früher alles besser war. Darum geht es hier auch gar nicht. Die Menschen empfinden einfach die Notwendigkeit, dem kontinuierlichen Kulturabbau der vergangenen Jahre einen bewussten kulturellen Aufbauprozess entgegenzusetzen. Es entsteht so etwas wie eine langsam anwachsende Aufbruchstimmung. Und zwar eine sehr kritische, reflektierte Aufbruchstimmung, die sich deutlich von der unter dem Motto „Yes we can“ stehenden Hurra-Stimmung in den USA unterscheidet.
































