Herr Most, worin sehen Sie die Ursachen der tiefsten internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 80 Jahren? Wer trägt die Hauptschuld?
Edgar Most: Der Begriff Finanz- und Wirtschaftskrise greift zu kurz. Wir haben es mit einer Systemkrise zu tun, deren auslösende Ursachen im System selbst liegen.
Die Wurzel des Übels liegt in der Entkoppelung von Finanz- und Realwirtschaft, die mit dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods Anfang der 70er Jahre begann, insbesondere mit der Aufgabe der Golddeckung des Dollars und wenig später auch der festen internationalen Wechselkurse. Erst auf dieser Grundlage konnte so etwas wie eine von der Realwirtschaft losgelöste Finanzwirtschaft überhaupt entstehen.
Damit einher ging die Deregulierung unseres Wirtschaftssystems, die nicht einfach passiert ist, sondern von der Politik vorsätzlich herbeigeführt wurde. Dadurch wurden Kapital und Markt zum Alleinherrscher im System. Die Rendite, der Profit, wurde zum alles bestimmenden Maßstab. Gesellschaftspolitische, vor allem soziale Anforderungen an das Kapital, das von sich aus nie sozial ist, gar nicht sein kann, wurden marginalisiert. Dadurch wurde der Kapitalismus entfesselt – eine Tendenz, die sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks spürbar beschleunigt hat.
Wenn an diesen Krisenursachen nicht angesetzt wird und die Politik sich auf die – natürlich zunächst vorrangige – Bekämpfung der Krisensymptome beschränkt, dann wäre nicht nur eine große Chance vertan, dann stiege vielmehr das Risiko, dass die nächste Krise tatsächlich die letzte ist.






























