Wir müssen uns an ein Ende des Wachstums gewöhnen, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Damit scheinen Sie relativ allein zu stehen. Politiker landauf landab verkünden nach wie vor das Wachstumscredo.
Meinhard Miegel: Das nicht ganz richtig. Auf der einen Seite sagt die Bundeskanzlerin im Chor mit vielen anderen Politikern Sätze wie: „Wachstum ist der Schlüssel zum Ganzen, ohne Wachstum gibt es keine Investitionen, keine Arbeitsplätze und keine sozialen Sicherungssysteme.“ Auf der anderen Seite hat sie in ihrer ersten Regierungserklärung einen bemerkenswerten Satz formuliert, der interessanterweise kaum öffentlich diskutiert wurde: Sie hat gesagt, wir müssten in diesem Jahrzehnt eine Wirtschaftsform finden, die nicht ihre eigenen Grundlagen zerstört. Das ist eine dramatische Aussage; die Kanzlerin sagt, wir haben eine Wirtschaftsform, die ihre eigenen Grundlagen zerstört. Deutlicher kann man nicht werden.
Also brauchen wir nicht ein Ende des Wachstums, sondern ein anderes Wachstum.
Miegel: Wir müssen uns damit abfinden, dass es das materielle Wachstum, das uns geprägt hat, nicht mehr geben wird. Das muss man aber nicht einfach hinnehmen. Wir sollten Wachstum und Wohlstand in immateriellen Bereichen suchen. Diese Potenziale sind nicht im mindesten ausgeschöpft, hier kann noch sehr viel Wachstum und Wohlstand gemehrt werden – aber das sind dann ein qualitativ grundlegend anderes Wachstum und ein anderer Wohlstand, als wir es bisher gewohnt sind.
Es existieren viele Ansätze, Wohlstand anders als etwa über das Bruttosozialprodukt zu definieren. In Bhutan gibt es beispielsweise einen Glücksfaktor, auch Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy verfolgt ähnliche Ziele.
Miegel: Sarkozy hat sogar eine prominente Arbeitsgruppe mit den beiden Nobelpreisträgern Amartya Sen und Joseph Stiglitz einberufen, die sich über einen neuen Wohlstandsbegriff Gedanken gemacht hat. Die bisherige Art, Wohlstand zu messen, ist primitiv und eng gefasst. Nur ein Beispiel: In diese Berechnung geht jede Krankheit, jede Umweltzerstörung als Wohlstandsgewinn ein. Deshalb beschäftigen sich viele Menschen mit der Frage, ob nicht auch Gesundheit, Zufriedenheit, gesellschaftliche Harmonie, intakte Familien und ähnliches eingehen sollten in die Betrachtung dessen, was wir als Wohlstand bezeichnen.
Eine solidarische Gesellschaft – auch wenn sie materiell weniger wohlhabend ist – ist eine wohlhabendere Gesellschaft als eine materiell reiche Gesellschaft, in der überall Brüche deutlich werden. Ein intakter Familienverband kommt zum Beispiel mit sehr viel weniger materiellen Mitteln aus als eine zersplitterte Familie. Freude an der Kunst, das Erlernen einer Fremdsprache, sich um Kinder und Jugendliche zu kümmern, im Sportverein aktiv zu sein, einen guten Freundeskreis zu haben – das sind alles Wohlstandselemente, die wir vernachlässigt haben, weil immer die Mehrung des materiellen Wohlstands im Vordergrund stand.
Wer ein hohes materielles Vermögen hat, der gilt in unserer Gesellschaft mehr als einer, der über Fähigkeiten verfügt. Dieses ganze Bonusunwesen ist Ausdruck einer perversen Sichtweise: Wer riesige Summen für seine Arbeit bekommt, steht gesellschaftlich ganz oben. Das ist doch absoluter Unfug.






























