Herr von Weizsäcker, Sie gelten als „Nachhaltigkeitspapst“ – auch, wenn Sie das nicht gern hören. Was aber ist eigentlich Nachhaltigkeit?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Lassen wir das mit dem „Papst“. Nachhaltigkeit heißt, dass unsere Enkel und Urenkel es ebenso gut haben wie wir – oder besser. Und dass wir das nicht verhindern.
Sie beschäftigen sich jetzt seit Jahrzehnten mit diesem Thema: Macht sich eine gewisse Frustration bei Ihnen breit, dass es nur so langsam voran geht?
von Weizsäcker: Früher ließen sich in Umweltfragen erstaunlich rasch Erfolge erzielen: Als Willy Brandt den blauen Himmel über der Ruhr forderte, glaubte erst einmal kein Mensch, dass das geht. 30 Jahre später war es Wirklichkeit. Bei den heutigen Umweltthemen haben wir es mit größeren Zeiträumen zu tun; Klimaveränderungen vollziehen sich nicht in drei Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten. Das heißt, dass die Geduld der Menschen stärker auf die Probe gestellt wird. Hinzu kommt: Die Energieeffizienz zu erhöhen, wie wir es in Faktor 5 propagieren, ist ein wesentlich komplexeres Geschäft als Schadstoffe aus der Luft zu entfernen.
Erfolg in Umweltfragen ist auch eine Frage des Bewusstseins. Manche sagen, die Menschheit brauche noch viel mehr Katastrophen, um endlich aufzuwachen.
von Weizsäcker: Zweifellos haben Wirbelsturm Katrina, die Gefährdung des Lebensraums der Eisbären und die Verkürzung der Skifahrzeiten in den Alpen das Bewusstsein erheblich vergrößert – wie alle Veränderungen, die man entweder am eigenen Leib erlebt oder die sich gut fotografieren lassen. Ich bin trotzdem der Meinung, dass wir uns anstrengen müssen, damit es ohne Katastrophen zu dem notwendigen Bewusstseinswandel kommt. Dafür ist es hilfreich, dass der notwendige Wandel, der auch ein wirtschaftlicher und politischer sein muss, eher Gewinne als Verluste bringt. Das ist im Grunde der Sinn unseres Buches Faktor 5: Wir zeigen, wie wir fünf Mal effizienter und eleganter werden können.
Sie warnen aber auch vor dem Rebound-Effekt, der besagt, dass Effizienzgewinne durch einen erhöhten Verbrauch aufgefressen werden. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?
von Weizsäcker: Zunächst würde ich gerne anmerken, dass dies vermutlich der größte inhaltliche Unterschied zwischen Faktor 5 und Faktor 4 ist. Mein Freund und Co-Autor von Faktor 4, Amory Lovins, hat den Rebound-Effekt schlicht geleugnet. Die Australischen Co-Autoren von Faktor 5, Karlson Hargroves und Michael Smith, dagegen sind damit sehr einverstanden.
Die Erfahrung der Menschheitsgeschichte von der sogenannten Neolithischen Revolution bis heute zeigt: Immer, wenn die Menschheit lernt, effizienter zu werden – zunächst im Umgang mit Land, dann im Umgang mit Kohle und heute allgemein im Umgang mit Energie und Ressourcen –, dann wird das sofort aufgefressen von zusätzlichem Konsum. Das nennt man den Rebound-Effekt.
In Faktor 5 machen wir die Beobachtung, dass dieser Rebound-Effekt besonders dann eintritt, wenn durch die Effizienzverbesserung die betreffende Ressource, etwa Land, Kohle oder Energie, billiger wird. Um das zu verhindern, müssen wir gegenüber den Marktkräften endlich durchsetzen, dass das, was uns wirklich wertvoll ist, teurer wird und nicht immer billiger.






























