Es war ein großer Jahrestag für die Alliierten. Vor 60 Jahren waren sie in der Normandie gelandet, damals am 6. August 1944. D-Day. Die Titelstorys in der europäischen Tagespresse sind sich an diesem 6. August 2004 alle ähnlich. Nur einer schert aus: In der britischen Financial Times schreibt ein Franzose in einem langen Aufmacherartikel über die Folgen der Landung der Alliierten, unter denen viele Franzosen mehr zu leiden hatten, als unter denen der deutschen Besatzung. Unerhört! Oder eher ein Zeichen, dass eine neue Generation neue Blickwinkel untersucht ohne gleich verantwortungslos oder revisionistisch zu sein? Wer ist dieser Franzose?
Bertrand Benoit, Jahrgang 72 und aus Vichy stammend, ist Büroleiter der britischen Financial Times, kurz FT, in Berlin. Neben dem Wall Street Journal ist die Financial Times die einflussreichste internationale Wirtschaftszeitung. Fast alles, was der Leser der FT über Politik in Deutschland erfährt, ist vorher über Benoits Tisch gegangen. Das Berliner Büro leitet er seit 2003, vorher war er seit 1998 Korrespondent der FT in Frankfurt am Main. Gefragt, wie er seine Berliner Aufgabe löse, antwortet er lachend: schreibend – und meint damit, dass es von den jeweiligen Personen abhänge, ob sie sich als Büroleiter mehr dem Redaktionsmarketing, also Veranstaltungen und Diskussionsrunden, zuwenden oder mehr dem Schreiben. Er schreibe eben sehr gern.
Nach dem Studium der Internationalen Beziehungen führte ihn sein Weg an die Columbia-Universität in New York und an die London School of Economics. Zwei Buchveröffentlichungen brachte diese Zeit hervor, in denen der Anfang seiner journalistischen Laufbahn steckte – der eigentlich so gar nichts mit diesen Büchern selbst zu tun hatte. Warum also Journalist und nicht Akademiker oder Buchautor?
Es sei für ihn, so Benoit, schon von Anfang an sehr klar gewesen, dass ihn ein Studium der Internationalen Beziehungen in die Berufsrichtung Journalist führen werde. Kurios sei der Start bei der FT deshalb gewesen, weil er einen Ressortchef der FT um Unterstützung für eines seiner Bücher gebeten habe und dieser ihm daraufhin seine Sorgen schilderte, in der Urlaubszeit keine Leute zu haben, die Leitartikel schreiben. „So begann ich mit Leitartikeln", sagt Bertrand Benoit lachend über seinen Start bei der Financial Times, noch bevor er eine interne Ausbildung bei der FT durchlaufen und mit ihr deren „ältester Azubi" werden sollte.
Interessanterweise spricht Benoit dort, wo andere über Zustimmung, Ablehnung und Applaus reden, über die „Rendite an Aufmerksamkeit". Sie sei es gewesen, die ihn die Karriere als Buchautor sofort habe vergessen lassen. Er habe so viel Arbeit in die Bücher gesteckt und so wenig Erwiderung erhalten, sagt Benoit, wohingegen die Gespräche und Reaktionen nach seinen Zeitungsartikeln dem Beruf des Journalisten eine echte Spannung verliehen.
Und heute? Wo sind heute seine „ups and downs" im täglichen Zeitungsmachen? Natürlich freue er sich über jeden „scoop", der ihm gelinge. „Scoops" sind die Meldungen und Berichte, die eine Zeitung exklusiv den anderen voraushat. Mit einem schalkhaften Lächeln beschreibt Benoit, wie es ihm per Dauer-SMS mit Politikern gelang, der FT noch vor den deutschen Zeitungen die Erstmeldung über eine neue deutsche Kanzlerin zu sichern.
Politiker-PR ärgert ihn
Sehr viel ernster erklärt er, wie die Financial Times durch seine Recherchen und die Zusammenarbeit mit Berliner Antisemitismusforschern aufdeckte, dass die EU die Ergebnisse einer von ihr in Auftrag gegebene Studie unterdrückte, welche die Zunahme des Antisemitismus durch islamisch geprägte Bevölkerungsgruppen in Europa beschrieb.
Natürlich wünsche er sich wie viele andere Journalisten neben der täglichen Analyse mehr Möglichkeiten für längere, noch ausführlicher recherchierte Artikel, wie zum Beispiel den zum D-Day. Neben diesen, nicht immer mit den Möglichkeiten der Zeitung in Einklang zu bringenden Wünschen, gibt es für ihn aber auch handfeste Gründe, sich zu ärgern. Benoit nennt dafür „die zunehmende Professionalisierung der Politiker in der Kommunikation". Damit meint er die Errichtung von Firewalls, Schutzmauern, zwischen Politikern und Medien durch Heerscharen von PR-Beratern und Agenturen. Noch vor wenigen Jahren habe es diese Ausmaße an vorgeschalteten Instanzen nicht gegeben. Die Politik folge damit einer Entwicklung, wie sie schon lange von privaten Unternehmen und ihren PR-Abteilungen vorgegeben werde – nur sei die Politik kein privates Unternehmen. Die Folge: Journalisten versuchten mit Netzwerken, diese Firewalls zu umgehen.
Ebenso lehne er die zunehmenden Formen so genannter Hintergrund- oder „off the record"-Gespräche ab, weil sie für ihn eine sehr subtile Art seien, unter dem Deckmantel der Vertraulichkeit die Veröffentlichung von Themen zu verhindern oder Diffamierungen zu streuen, ohne deren Veröffentlichung fürchten zu müssen. Offensichtlich von den stärkeren Rechten der Presse in Großbritannien aber nicht unbedingt von den Gepflogenheiten des Boulevards geprägt, vor dessen Einfluss, wie er sagt, sich die FT trotz hohen Renditedrucks noch lange wohltuend bewahren möge, steht Benoit für eine direkte Kommunikation zwischen Politikern und Medien. Er wird nicht müde, Politiker unmittelbar bei ihrem Wort und nicht bei korrigierten PR-Texten zu nehmen. Da die FT zwar eine hohe europäische Verbreitung hat, in Deutschland aber keine breiten Wählerschichten erreicht, fällt ihm das als ausländischem Korrespondenten erfahrungsgemäß nicht immer leicht.
Deutscher Staatsbürger seit 2006
Apropos ausländischer Korrespondent: Bertrand Benoit, der auf eine Einladung zum Frühstück erwidert, dass sich das nicht lohne, weil er traditionell französisch frühstücke – sprich Kaffee und Zigarette, dazu die Lektüre der SZ – hat neben seiner französischen seit 2006 auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. „Am 9. Mai, dem Tag, an dem die deutsche Wehrmacht vor den Alliierten, deren furchtlose Mitglieder auch meine Großeltern mütterlicherseits gewesen waren, kapituliert hatte, wurde ich deutscher Staatsbürger", schreibt er darüber. Für ihn bedeute das, „dass ich mich nach mehr als zehn Jahren außerhalb Frankreichs, darunter sechs Jahre in Deutschland, hier am heimischsten auf der Welt fühle."
Zur Person
Bertrand Benoit schreibt seit zehn Jahren für die englische Financial Times. Seit neun Jahren ist er deren Deutschland-Korrespondent – zunächst mit Sitz in Frankfurt, dann in Berlin. Zuvor war er für die Zeitung European als Korrespondent in Brüssel tätig. Seit Mai 2006 besitzt der 35-jährige Benoit neben der französischen Staatsbürgerschaft auch die deutsche. Vom Stolz auf dieses Land, das ihm in den vergangenen acht Jahren zur Heimat geworden ist, schreibt Benoit wahrscheinlich so unverkrampft wie kein zweiter. Der Journalist und Buchautor ist verheiratet und hat keine Kinder. Er lebt in Berlin-Mitte.











