Auf der Reeperbahn, mittags, halb eins. Es ist schäbig. Der Wind treibt leere Plastiktüten über den Spielbudenplatz, und man hofft, dass die meisten Gebäude im Dunkeln deutlich besser aussehen. Oder wenigstens so schön wie das 2005 renovierte Schmidt-Theater am Tag: Leuchtend rot, mit viel blank geputztem Glas zeigt es das neue Gesicht der Reeperbahn – weniger Herbertstraße, mehr Broadway. Dieses neue Gesicht trägt für viele Menschen in Hamburg und darüber hinaus vor allem die Züge Corny Littmanns, 54 Jahre alt, Intendant, Schauspieler, Unternehmer und Fußballpräsident. Im kalten Herbstwind steht Littman vor seinem Theater und posiert für den Fotografen. Freundlich, geduldig, lächelnd – und leicht gestresst.
Eben gerade sind ein paar Redakteure der Hamburger Morgenpost gekommen. „Weiß auch nicht, wann ich den Termin abgemacht habe“, murmelt Littmann und schickt die Herren hoch ins Theaterrestaurant: „Bestellt Euch schon mal was, ich komm’ gleich nach.“ Er kann das sagen, ihm gehört der Laden. Und nicht nur dieser. Neben dem Schmidt-Theater und dem Schmidts Tivoli mit ihren diversen Bars und Restaurants besitzt Littmann auf dem Kiez noch Beteiligungen an weiteren Restaurants sowie dem Unternehmen „Seelive“, mit dem er Unterhaltungsprogramme für die Aida-Kreuzfahrtschiffe entwickelt.
1988 fing alles an, mit der Eröffnung des Schmidt Theaters. 1991 kam das Schmidts Tivoli hinzu, und über die Jahre wuchs ein kleines Unterhaltungsimperium, das inklusive aller Aushilfen rund 200 Menschen beschäftigt und Umsätze von bis zu 14 Millionen Euro pro Jahr erwirtschaftet. Neben seiner Arbeit als Geschäftsführer und Intendant steht Littmann mitunter auch noch selbst auf der Bühne, als Schauspieler und Conférencier.
Seit beinahe 30 Jahren lebt Corny Littmann, der im westfälischen Münster geboren wurde, nun auf dem Kiez – und kann sich keinen anderen Wohnort vorstellen, zumindest nicht in Deutschland. Zwar gebe es in fast jeder deutschen Großstadt eine dem Schmidt Theater vergleichbare Institution, sagt Littmann und verweist etwa auf das Münchner Lustspielhaus oder die Bar jeder Vernunft und das Tipi in Berlin. „Aber das Schmidt kann es nur in Hamburg geben“.
Littmanns Engagement für St. Pauli beschränkt sich nicht aufs Kulturelle. Seit 2002 ist er auch noch Präsident des Fußballklubs St. Pauli. Mit der Vereinsarbeit hat sich Littmann, dem es auch zuvor an Profil nicht fehlte, noch ein paar weitere Etiketten anheften lassen müssen: Sonnenkönig, despotischer Präsident mit Napoleon-Syndrom und –ganz im subtilen Stil des Zeitungsboulevards –„Tunten-Präsident“.
Grund genug, mit Littmann über die Schattenseiten dieses Ehrenamtes zu sprechen. Will er aber nicht. Lieber spricht er über die positiven Seiten des Präsidenten-Daseins, denn „das wird öffentlich nicht so gewürdigt“. Für ihn, der im Theater ebenso auf wie hinter der Bühne steht, zähle dazu, gestaltend im Hintergrund zu arbeiten und Entwicklungen zu beeinflussen wie zum Beispiel den Stadionneubau – der ihm eine weitere Schlagzeile einbrachte:
„Littmann-Loch“ haben die Fans die Stelle im Stadion am Millerntor getauft, an der die alte Südtribüne stand. Die ließ Littmann abreißen, der Neubau verzögerte sich, ist aber jetzt fertig. Doch „der Verein ist viel mehr als die erste Mannschaft“, beharrt Littmann, nämlich auch ein Stück des Kiezes, dem er sich so verbunden fühlt. Schließlich sei er der erste Vereinspräsident in der Geschichte des FC St. Pauli, der auch auf dem Kiez wohne, bemerkt er süffisant.
Mit seiner Arbeit für St. Pauli hat sich Littmann ein „zeitintensives Ehrenamt mit Misserfolgsgarantie“ aufgeladen, wie die Fußballzeitschrift „11 Freunde“ mitfühlend schrieb. Dabei ist er in seinem Hauptjob, dem Theatermachen, eigentlich erfolgsverwöhnt. Die Eigenproduktionen aus dem Schmidt Theater, jüngst die „Heiße Ecke“, werden gefeiert und teilweise sogar, wie die Revue „Swingin’ St. Pauli“, an andere Theater weiterverkauft.
„Es gibt schönere Bilder von mir“
Doch wenn Corny Littman morgens die Zeitung aufschlägt, gilt sein erster Blick dem Sportteil: „Da steht eigentlich jeden Tag etwas über den Verein drin.“ Ins Feuilleton schaut er gezielt, wenn er weiß, dass eine Eigenproduktion besprochen wird. Außerdem lohnt es sich für Littmann, einen Blick in die gängigen Gesellschaftskolumnen zu werfen, denn auch dort taucht er – zumindest in Hamburger Blättern – immer wieder auf. Und zwar nicht immer zur eigenen Freude: So hatte die Bild-Zeitung anlässlich seiner Wahl zum Vereinspräsidenten von St. Pauli getitelt „St. Pauli braucht keinen Tunten-Präsidenten“, und die Hamburger Morgenpost hatte ihn mit Federboa in Frauenkleidern abgebildet. Auf solche Angriffe reagiert Littmann demonstrativ gelassen: „Es gibt schönere Bilder von mir als Frau.“ Und überhaupt: „Mir geht es mit der Presse wie allen, die sich im Showbusiness bewegen. Ich mache das freiwillig und habe deshalb überhaupt keinen Grund zur Klage. Sich darüber zu beschweren finde ich larmoyant. Dann muss man eben Versicherungsvertreter werden. Punkt.“
An einem Punkt gerät der bekennende Homosexuelle, der seit mehreren Jahren mit seinem Partner zusammenlebt, allerdings in Rage, nämlich, wenn man ihm vorwirft, seine eigene Homosexualität zu vermarkten. „Das kommt von dumpfen Heterosexuellen, die keine Ahnung haben, welchen Anfeindungen Schwule, die sich öffentlich engagieren, ausgesetzt sind“, schimpft Littmann. Das gleiche Problem habe übrigens auch Klaus Wowereit. Mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister versteht der Unternehmer aus Hamburg sich gut, Ende September fand deshalb auch die Hamburger Präsentation der Wowereit-Memoiren in Littmanns Theater statt – mit dem Chef als Moderator.
„Das Buch von Klaus Wowereit gefällt mir sehr gut. Er schreibt mit einer Offenheit, die man sonst bei Politikern nicht findet“, sagt Littmann und fügt hinzu: „Wowereit redet Klartext.“ Das haben die beiden gemeinsam.
Zur Person:
Corny Littmann (54) eröffnete 1988 mit drei Gesellschaftern das Schmidt-Theater auf der Reeperbahn, 1991 folgte ein paar Häuser weiter das „Schmidts Tivoli“. Seit 2002 ist Littmann ehrenamtlicher Präsident des Zweitligisten FC St. Pauli.











