Staunende Enten als Seifenspender, ein Butterkeks als Dose oder ein Kaktus als Toilettenbürste. Und das auch noch knallbunt, unübersehbar und top modern. Das ist die Welt von Design-Ikone Alberto Alessi, der zwar selbst kein Designer ist, aber immer die besten findet.
Er ist ein freundlicher, älterer Herr, mit kurzen, grauen Haaren und blitzend blauen Augen. Entspannt sitzt er auf einem schwarzen Sofa, umgeben von Designklassikern. Alberto Alessi ist kein Designer – und doch gibt es niemanden, der das italienische Produktdesign der vergangenen 30 Jahre mehr beeinflusst hat als er.
Alberto Alessi leitet das gleichnamige Familienunternehmen, das in Deutschland vor allem durch seine quietschbunten und metallenen Haushaltshelfer bekannt ist, zum Beispiel „Otto“, ein kleines Plastikmännchen, das Zahnseide hält, oder – ein Klassiker – der „Bird Kettle“, ein Edelstahl-Wasserkessel vom Architekten Michael Graves mit einem Plastikvogel am Ende der Tülle. „Architekten sind eine Quelle der Inspiration“, antwortet Alberto Alessi auf die Frage, warum er so gern mit Kreativen zusammenarbeitet, die eben nicht nur Produktdesigner sind.
Viele halten ohnehin ihn für den kreativen Kopf hinter den Alessi-Produkten. Aber diese Vermutung wehrt Alessi mit erhobenen Händen ab: „Nein, ich bin kein Designer.“ In Zeitungsinterviews beschreibt er sich gern als „Gärtner“. Er pflanze Samenkörner in die Erde und wenn aus einem eine schöne Pflanze wachse, tue er alles, um sie zu hegen und zu pflegen, damit sie gedeiht.
Bevor Alessi zu einer internationalen Designmarke wurde – und Alberto Alessi zum „Papst des italienischen Produktdesigns“ – stellte das Unternehmen Haushaltswaren aus Metall her. Alberto Alessis Großvater, ein Metalldreher, gründete die Firma 1921. Damals waren die Produkte aus dem Hause Alessi vor allem haltbar und nützlich, auf Design hat bei Küchenutensilien lange niemand geachtet. Bereits in der zweiten Generation begann jedoch die Zusammenarbeit mit externen Designern, Architekten und Künstlern, durch Alberto Alessis Vater Giovanni und dessen Bruder Ettore. Der Sohn und Neffe hat dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Gleich nach seinem Eintritt in die Firma startete er ein Projekt mit Salvador Dalí. In einer kleinen Serie wollte er Kunstwerke auf den Markt bringen – ein Riesenflop, den sein Vater gerade noch rechtzeitig stoppen konnte.
Doch der Sohn wollte sich das Experimentieren nicht verbieten lassen. In der Folge entwickelte er ein Punktesystem, das ein neues Produkt nach unterschiedlichen Kriterien bewertet. „Schließlich musste ich meiner Familie irgendwie erklären, was ich da tue und wie ich meine Entscheidungen fälle“, erklärt Alessi das Zustandekommen dieser Erfolgsformel.
Und die Alessi-Formel funktioniert. Schon lange nicht mehr nur bei witzigen Haushaltsgegenständen oder Accessoires. Erfolg hat auch Alessis Badserie in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Architekten Wiel Arets. Beim Berliner Sanitärgroßhändler Bergmann und Franz stellt er Architekten die Reihe „Il Bagno di Alessi dOt“ vor, ein Projekt, mit dem der Chef nicht nur künstlerisch zufrieden ist, sondern das sich auch als kommerzieller Erfolg herausgestellt hat.
Anders der Panda Alessi, eine Zusammenarbeit mit dem Fiat-Konzern und eine Pleite, die Alessi folgendermaßen erklärt: „Misserfolge passieren meistens auf den Gebieten, die wir nicht so gut kennen. Hier ist unsere Formel noch nicht ausreichend angepasst. Wenn wir sie auf Gebiete anwenden, in denen wir Bescheid wissen, zum Beispiel bei Haushaltsgegenständen, versagt sie nie.“ Es sei denn, der Chef ignoriert die Formel. Auch das kommt vor. Ein wirtschaftlich erfolgloses Produkt ist für Alberto Alessi kein Beinbruch. Man könnte sogar sagen, er produziert absichtlich und mit großer Freude hin und wieder Gegenstände, von denen er weiß, dass sie kaum Beachtung am Markt haben werden. „Manchmal verberge ich die Ergebnisse unserer Erfolgsformel vor meinen Brüdern oder fälsche sie, damit ich meinen Willen bekomme und ein bestimmtes Produkt herstellen kann“, gesteht der 62-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln.
„Sehen Sie hier“, sagt Alessi und deutet auf ein Kaffeservice, das schräg hinter ihm auf einem Tisch steht, „dieses Service war geschäftlich gesehen ein Reinfall. Aber nicht für mich. Für mich ist es ein Design-Meisterwerk. Es gibt vielleicht nicht viele Menschen, die es kaufen würden. Aber wer es kauft, der ist wirklich glücklich damit. Das ist Erfolg für mich.“
Kein Wunder, dass sich Stardesigner aus aller Welt darum reißen, mit Alessi arbeiten zu dürfen. „Wenn Sie Alberto Alessi einen Prototyp bringen, ist das für ihn wie Weihnachten. Er betrachtet ihn als wunderbares Geschenk“, hat Philippe Starck gesagt, der für Alessi unter anderem die hochelegante, aber vollkommen nutzlose Saftpresse „Juicy Salif“ gestaltete. Und über dieses Produkt sagte dessen Auftraggeber: „Die berühmte Zitronenpresse von Philippe Starck benutze ich nie. Sie steht hübsch im Regal, ich presse elektrisch.“
Seine Misserfolge hätten das Unternehmen über die Jahrzehnte bestimmt einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet – die Erfahrungen daraus hätten aber ein vielfaches dessen eingebracht, ist sich Alessi sicher. Er schätzt die Freiheit, die ihm das Arbeiten in einem Familienunternehmen ermöglicht. „Wären wir an der Börse, könnte ich nie so frei und erfolgreich arbeiten“, sagt er. „Die Börse hat nicht genug Geduld für Innovationen.“
Vermutlich ist Alberto Alessi über lange Sicht deshalb so erfolgreich, weil hinter seiner Arbeit weit mehr steckt als die Suche nach einem Verkaufsschlager oder das kindliche Spiel mit Farbe, Form und Material. Es ist ein kulturelles Projekt. „Wir verstehen uns nicht einfach als Industrieunternehmen oder Designfirma. Alessi ist ein Forschungslabor in angewandter Kunst, ein Mittler zwischen Kreativität und Markt. Ich glaube, dass jedes Konsumgut das Recht hat, gut gestaltet zu sein.“ Er bezeichnet die Firma Alessi auch als „Traumfabrik“ – und während Hollywood traumhafte Fluchten aus dem Alltag produziert, produziert Alessi Dinge, die den Alltag etwas traumhafter erscheinen lassen.
Vor ein paar Jahren hat der 62-Jährige eine neue Leidenschaft entdeckt: den Weinbau. Er hat einen eigenen Weinberg in Italien gekauft. Von Wein habe er keine Ahnung, gesteht er freimütig. Die Sorten, die er angebaut hat, haben das Klima schlecht vertragen, und der erste Jahrgang war mickrig. Aber: „Ich will in meinem eigenen Weinberg wohnen.“ Im nächsten Jahr will Alberto Alessi mit seiner Frau und seiner Tochter einziehen. Ist es dann Zeit für einen Nachfolger im Unternehmen? Diese Frage beantwortet der Unternehmer erst nach einem kurzen Stutzen, zu absurd scheint ihm die Idee: „Einen Nachfolger gibt es nicht, weil ich gar nicht die Absicht habe, aufzuhören. Ich fühle mich, als wäre ich unsterblich.“
Zur Person
Alberto Alessi wurde 1946 in Arona geboren. Er wollte eigentlich Architektur studieren, unter Einfluss seines Vaters entschied er sich dann jedoch für Jura. Einen Tag nach Abschluss seines Studiums trat er 1970 in das Familienunternehmen Alessi ein. Er ist Geschäftsführer und Leiter für strategisches Marketing, Kommunikation und Design. Im Jahr 1998 erhielt Alberto Alessi vom Brooklyn Museum of Art den „Design Award“ für sein Lebenswerk. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.











