Erinnern Sie sich an den Politthriller des Jahres 1996, der „Primary Colors“ hieß und von einem Anonymus stammte? Auf Deutsch erschien er unter dem Titel „Mit aller Macht“, und bald kam heraus, dass der Journalist Joe Klein ihn verfasst hatte. „Eine Gemeinheit der Sonderklasse“ freute sich damals der „Spiegel“.
Ein Fehlurteil: Klein hatte realistisch beschrieben, was sich während der Wahlkampagne der Clintons ab 1992 hinter den Kulissen abspielte. Das amerikanische Wahlvolk wird zurzeit täglich an jene Jahre erinnert.
A-B-C – diese Kurzformel hört man deshalb immer öfter, und nicht nur aus dem republikanischen Lager. All But Clinton – Alles Außer Clinton! lautet die Devise bei vielen unabhängigen Wählern, die sich nicht für eine der beiden großen Parteien des Landes registriert haben. So äußern sich auch Anhänger Barack Obamas, die erleben mussten, wie das Clinton-Lager der Presse Fotos ihres Kandidaten im Turban zuspielte und dessen Erfolg auf seine Hautfarbe zurückführte. Seit Eliot Spitzer, New Yorker Gouverneur und Clinton-Unterstützer, im März wegen eines Sexskandals zurücktreten musste, ist auch die Erinnerung an die Zeit mit Monica Lewinsky zurück.
Die Republikaner, denen noch vor ein paar Monaten kaum ein Analyst Chancen einräumen wollte, beobachten die Situation mit wachsender Begeisterung. Mit John McCain hat sich bei ihnen ein Präsidentschaftskandidat durchgesetzt, der auch für jene unentschiedene Wähler akzeptabel ist, die Bush lieber heute als morgen loswerden möchten. Der Vietnam-Veteran und langjährige Senator aus Arizona kann sich mit präsidialer Würde Sachthemen widmen, während sich die demokratischen Kandidaten eine Schlammschlacht liefern. Hillary Clinton ließ ihrem Konkurrenten im März über ihren Mann die Vizepräsidentschaft anbieten, obwohl Obama da schon 131 Delegiertenstimmen mehr gewonnen hatte. Seitdem fragen sich viele Amerikaner, wer bei einem Wahlsieg der Senatorin im Weißen Haus eigentlich das Sagen haben wird.
Sollten die Parteigranden der Demokraten bis dahin tatenlos zusehen, dann hat John McCain einen sonnigen Herbst vor sich. Mit drohender Rezession und zunehmender Kriegsgefahr im Nahen Osten sehnen sich die Wähler nach einem Präsidenten, der die Politik nicht als Machtspiel zelebriert, sondern Führungsstärke und militärische Erfahrung nachweisen kann. Wenn Howard Dean und Nancy Pelosi nach den Wahlen in Pennsylvania nicht ein Machtwort sprechen, dann wird das Patt der Kandidaten zur Gefahr für die Partei. Wahrscheinlich schreibt inzwischen schon ein Anonymus an einem neuen Thriller. Möglicher Arbeitstitel: Primary Desaster.
Holger Teschke schreibt seine Kolumne in diesem Frühjahr zwischen Berlin und Boston.







