Seitdem das „Grundblatt“ „Uptown“ heißt, wollen sie meine Kolumne einen Monat im voraus. Ich finde, für soviel Voraussicht hätten sie einen Wahrsager oder einen Trendforscher engagieren sollen, einen wie Matthias Horx. Horx gehört zu den trendigen Menschen, die schon heute wissen, wie wir morgen leben, lieben und den Müll runterbringen werden. Ich bin froh, wenn ich weiß, wie ich nächste Woche meine Termine auf die Reihe kriege.
Ich rufe die Redaktion an und beschwere mich. Meine Redakteurin lacht bloß und rät mir, eine Glaskugel anzuschaffen. So eine, wie Christopher Lee sie im „Herrn der Ringe“ benutzt. Ich habe aber schon eine Glaskugel, die meine Freundin mir voriges Jahr geschenkt hat und auf der alle Kontinente und Weltmeere eingraviert sind. Wenn man durch Nordamerika blickt, sieht man Südafrika und Madagaskar. Viel weiter bringt einen das zukunftsmäßig nicht.
Früher musste ich die Weltlage nur für 14 Tage voraussagen. Ein paar Mal hat das sogar geklappt, und ich habe die Wiederwahl von George W. Bush prophezeit, wofür ich in Deutschland nur mitleidiges Lächeln erntete. Man trifft ja immer wieder deutsche Amerika-Experten, die nach ein paar Urlaubswochen alles über die Vereinigten Staaten wissen und sie den Amerikanern gern erklären. Mir dagegen werden die USA von Jahr zu Jahr rätselhafter.
Zum Beispiel Sarah Palin. Man versteht ja, dass eine berufstätige Mutter, die neben ihrem Job als Gouverneurin auch noch Elche schießen, Lachse fischen und Schneemobil fahren muss, nicht den ganzen Tag das Schlafzimmer ihrer Tochter bewachen kann. Und dass sie mit ihrem Mann angesichts der explodierenden Ölpreise schon mal daran gedacht hat, ein unabhängiges Alaska auszurufen. Aber warum sie kurz vor ihrer Nominierung noch verkünden musste, dass der Irak-Krieg gottgewollt war, überrascht einen dann doch. Vielleicht dachte sie ja, dass Gott eben clever ist und von Anfang an ins Ölgeschäft investiert hat.
Ich glaube trotzdem, dass es gar nicht schlecht aussieht für die Vizepräsidentschaftskandidatin. Ich habe mir nämlich selber lange eingebildet, daß ich mich mit den Amerikanern ein wenig auskenne. Mein Erweckungserlebnis hatte ich dann in Indiana, wo ich ein Gastsemester an der University of Notre Dame unterrichtete. Das ist die größte katholische Universität Nordamerikas und sie liegt im mittleren Westen. Ich inszenierte Brechts „Leben des Galilei“, und ein paar meiner Studentinnen machten nebenbei noch bei den „Vagina Monologues“ mit. Als das publik wurde, kamen jeden Abend besorgte Gemeindemitglieder mit Kerzen und beteten vor dem Theater für unser Seelenheil. Zum Schluss gehörten sie irgendwie dazu.
Das ist jetzt aber keine Voraussage, sondern nur eine Anekdote. Inzwischen habe ich einiges von Matthias Horx gelernt. Der Trick ist der gleiche wie bei den Wahrsagern. Man darf sich nicht festlegen und muss ein bisschen blumig formulieren. Die Zukunft ist nicht rosig, sagt Horx, aber allemal ein Abenteuer. Die kommende Wahl auch. Ich sage: Es wird garantiert eine historische Überraschung geben.







