Eines der bemerkenswertesten Bilder in der amerikanischen Wahlnacht vom 4. November war der Moment, als Reverend Jesse Jackson kurz nach der Rede Barack Obamas im Grant Park von Chicago auf dem Bildschirm zu sehen war. Dem radikalen Bürgerrechtler und Mitarbeiter Martin Luther Kings, der sich in den 80er-Jahren selber zweimal um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten beworben hatte, schienen die Tränen wider Willen über sein Gesicht zu laufen. Jesse Jackson ist alles andere als ein sentimentaler Mann und nicht unbedingt ein Fan von Obama. Sein gesamtes politisches Leben lang hat er einen rauen Umgang mit Freund und Feind gepflegt. Er hat während des Wahlkampfs nicht verhehlt, dass er Obama für zu versöhnlerisch hält. Es muss für Jackson schwer gewesen sein, zu sehen, wie dem jungen Senator aus Illinois in knapp vier Jahren all das scheinbar zuflog, wofür er selber mehr als 40 Jahre gekämpft hat. Aber das war in diesem Augenblick vergessen. Etwas Unvorstellbares war geschehen: Die Mehrheit der wahlberechtigten Bevölkerung der Vereinigten Staaten hatte sich bei einer noch nie da gewesenen Wahlbeteiligung für einen farbigen Präsidenten entschieden.
Für alle, die die Folgen von Sklaverei und Rassentrennung in den USA nicht unmittelbar erlebt haben, mag die Tragweite dieser Wahl nur schwer nachzuvollziehen sein. Aber wer die Reaktionen der afro-amerikanischen Wähler erlebt hat, dem wurde klar, dass diese Wahl mehr als einen politischen Wechsel im Weißen Haus bedeutet. Sie hat den Beginn einer neuen Epoche eingeleitet.
Barack Obamas Sieg ist so historisch wie die Herausforderungen, die vor seiner Präsidentschaft liegen. Seine Rede von Chicago wird eines Tages neben denen von Martin Luther King und John F. Kennedy in den Schulbüchern dieses Landes stehen. Denn Obama hat in der Nacht seines Triumphes auch gewagt, von Rückschlägen und Enttäuschungen zu sprechen, die es in den kommenden Jahren geben wird. Er hat an die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich erinnert, an Staatsverschuldung und Finanzkrise sowie die enormen innen- wie außenpolitischen Probleme der USA. Aber im gleichen Atemzug hat er mit Entschlossenheit seinen Wahlkampfslogan bekräftigt: Yes, we can.
Selbst im kleinen Wahllokal unseres Wohnortes in Massachusetts konnte man etwas von dieser Entschlossenheit spüren. Auf dem Rückweg hörten wir im Radio Bruce Springsteen, der Obamas Kampagne begleitet hat: „It’s Gonna Be A Long Walk Home“. Nach dieser Wahl wird die Welt wieder das Gesicht des anderen Amerika entdecken, zu dem auch die Tränen von Jesse Jackson gehören. In diesem Sinne: Merry Christmas and A Happy New Year!







