„Selten in der Geschichte der Menschheit kommt ein Mann auf die Erde, der zugleich Stahl und Samt ist, hart wie ein Fels und sanft wie ein schwebender Nebel, der in Hirn und Herz das Paradox von Frieden und Sturm vereinigt.“ Diese Hymne stimmte der amerikanische Dichter Carl Sandburg 1959 zum 150. Geburtstag von Abraham Lincoln an, und es ist kein Wunder, dass sie heute an Barack Obama erinnert.
Lincoln ist Obamas politischer Wegbereiter und Leitstern, und beide verbindet nicht nur, dass sie sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet und später ihre politische Karriere als Rechtsanwälte in Illinois begonnen haben. Lincoln steht in der Geschichte der USA für den Beginn des Kampfes gegen Sklaverei und Rassentrennung und für den Versuch, die zutiefst gespaltene Nation nach dem Ende des Bürgerkriegs wieder zusammenzuführen. Seine Ansprache auf dem Schlachtfeld von Gettysburg fasste die Grundlagen einer neuen politischen Kultur Amerikas in wenigen Sätzen zusammen, die noch heute jedes Schulkind lernt: „Wir müssen uns jetzt der großen Aufgabe widmen, die vor uns liegt – damit diese Toten nicht umsonst gestorben sind. Damit diese Nation unter Gottes Führung eine Wiedergeburt zur Freiheit erlebt. Und damit die Herrschaft aus dem Volk, durch das Volk und für das Volk nicht von dieser Erde verschwindet.“
Symbole haben in der amerikanischen Politik immer eine entscheidende Rolle gespielt, und für Europäer hat es oft den Anschein, dass sie politische Substanz ersetzen sollen. Barack Obama hat den Mythos Lincoln von Anfang an für seinen Wahlkampf und für sein Regierungsprogramm in Anspruch genommen. Er weiß, dass das Erbe dieses Präsidenten sowohl mit der Erinnerung an die schwerste Zeit als auch mit dem mutigsten Neubeginn der Nation verbunden ist. Auch deshalb hat er fast keinen symbolischen Bezugspunkt ausgelassen – von Lincolns historischer Bahnfahrt nach Washington bis zum Schwur auf dessen Bibel zum Amtsantritt. Sogar das Porzellan zum Inaugurational Lunch war dem Service von Mary Todd Lincoln nachempfunden. Und wer sich wundert, warum sich der neue Präsident mit so vielen ehemaligen Mitarbeitern von Bill und Hillary Clinton umgibt, der sollte seine politische Bibel „Team of Rivals“ lesen, die von der Lincoln-Biographin Doris Kearns Goodwin stammt.
Doch bei aller symbolischen Nähe zu dem populärsten Präsidenten in der Geschichte weiß Obama natürlich, dass die Herausforderungen an ihn und seine Administration heute globale Dimensionen haben. In seiner Antrittsrede hat er klargemacht, dass die Finanz-und Wirtschaftskrise, die Konflikte im Nahen Osten und am Hindukusch, die Bedrohungen durch Terror und Umweltzerstörung sowie die notwendigen Reformen in Gesundheits-, Bildungs,-Ernährungs- und Energiepolitk nicht von den USA allein gemeistert werden können. Schon das ist eine Einsicht, die weit über die politische Traditionen Washingtons hinausgeht.
Am 12. Februar werden die Vereinigten Staaten den 200. Geburtstag Lincolns feiern und ein afroamerikanischer Präsident wird an sein Vermächtnis erinnern. Lincolns Traum, für den er den höchsten Preis gezahlt hat, ist mit dieser Wahl wahr geworden. Die Angst, dass auch Barack Obama die Gefahr eines Anschlags droht, kommt heute in fast jedem Gespräch über die Zukunft des Landes zur Sprache. Vielleicht hat der 44. Präsident auch deshalb bei seiner Antrittsrede vor dem Capitol noch einmal Lincolns Werte beschworen und seine Landsleute darin erinnert, dass es heute auf jeden Amerikaner ankommt – nicht nur auf den Mann im Weißen Haus.
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America in diesem Jahr zwischen Boston und Santiago de Chile.







