Im April bin ich an die Carnegie Mellon University in Pittsburg eingeladen, einen Regieworkshop zu unterrichten und aus meinem neuen Stück zu lesen. Die Universität wurde 1900 von dem schottisch-amerikanischen Indus-triellen und Mäzen Andrew Carnegie gegründet, der sein Vermögen, das er vor allem mit Stahl, Öl und Eisenbahnen gemacht hatte, fast vollständig für Bildungseinrichtungen, Bibliotheken und Stipendien gestiftet hat. „Kein Götzendienst ist entwürdigender als die Anbetung des Geldes“, schrieb er, und: „Wer reich stirbt, stirbt in Schande.“ Unseren Masters Of The Universe aus New York, Frankfurt und London wird das wie das Credo eines armen Irren vorkommen, aber Andrew Carnegie war einmal der reichste Mann der Welt. So haben sich die Zeiten geändert.
Angesichts der Krise schien es mir angebracht, Carnegies Texte mit einigen aus Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ zu collagieren. Dieses chorische Poem aus dem Jahr 1929 ist von erstaunlicher Aktualität. Im „Lesebuch“ brachte Brecht die Zukunftsaussichten für all jene, die von ihrer Hände und Köpfe Arbeit leben müssen, auf den lakonischen Punkt: „Lasst eure Träume fahren, dass man mit euch/Eine Ausnahme machen wird./Lasst euren Kontrakt in der Tasche/Er wird hier nicht eingehalten./Ihr müsst das ABC noch lernen./Das ABC heißt: Man wird mit euch fertig werden.“ Gegen den Vorwurf, er rede zynisch, erwiderte Brecht, er rede wie die Wirklichkeit. Und auf die Frage, was seiner Meinung nach das Kennzeichen kapitalistischer Wirklichkeit sei, antwortete er: „Leere mit Tempo.“ Eine treffendere Beschreibung des global kapitalvernichtenden Kapitalismus habe ich nirgends gefunden. Man könnte heute auch „Leergeschäfte mit Tempo“ sagen, aber das träfe ja nur einen Teil der Geldverbrennungsindustrie.
Auf dem Flug nach Pittsburgh las ich ein Buch mit dem reißerischen Titel „Die Gier war grenzenlos“, ein Enthüllungsbericht einer deutschen Börsenhändlerin. Anne T., wie sich die Anonyma nennt, macht nicht mit beim fröhlichen Sündenbockschießen. Sie schreibt: „Die Gier der Aktionäre und der Anleger befeuerte die der Broker.“ Dieser Satz hat Sprengkraft, denn er erinnert daran, dass Politik und Bürger nichts gegen das Zocken hatten, solange die Renditen stimmten. Diese Wirklichkeit wird an der laufenden Wahlkampfterminbörse natürlich ausgeblendet. Der Verlag sollte das Buch allen Bundestagsabgeordneten schicken. Das hätte den nützlichen Nebeneffekt, dass die Damen und Herren des Hohen Hauses endlich die Dimensionen des Desasters erahnen, das auf uns zukommt – wirtschaftlich, sozial und politisch. Dann wird ihnen vielleicht sogar dämmern, dass die Zukunft der Demokratie nicht mit ein paar Regulierungsgesetzen zu retten ist.
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America in diesem Frühjahr zwischen Santiago und Boston.







