Bei einem Gespräch zu Brecht und der Zukunft des globalen Kapitalismus an der University of Pittsburgh fiel mir neulich wieder eine Anekdote ein, die ich Michael Ende verdanke. Der Autor der „Unendlichen Geschichte“ war in den 70er-Jahren zum Wirtschaftsgipfel nach Davos eingeladen, und weil er nicht über Banken und Börsen moralisieren wollte, las er aus „Momo“ vor. Es war, wenn ich mich recht erinnere, das Kapitel, in dem Momo zum ersten Mal einem der grauen Herren von der Zeit-Sparkasse begegnet, der ihr das Geschäftsprinzip seines Instituts offenbart: kostbare Lebenszeit gegen wertlosen Konsum. Am Ende der Lesung herrschte eisiges Schweigen, bis ein empörter Manager aufsprang und rief: „Herr Ende, Sie können sagen, was Sie wollen, aber drei Prozent Wachstum müssen sein!“
Die Reaktion der Regierungschefs der westlichen Industriestaaten angesichts der neuesten Wirtschaftsprognosen ist ähnlich hilflos. Dennoch sollten die Bürger für das gebetsmühlenhafte Beschwören zukünftiger Wachstumsprozenten dankbar sein: Es offenbart, dass weder Politik noch Wirtschaft auf die Ausmaße dieser Krise eine Antwort haben. Erstaunlich ist allerdings, mit welcher Gelassenheit die Regierungen verkünden, das gescheiterte Drei-Prozent-Programm weiterhin auf Kosten künftiger Generationen durchzuziehen. Die Parole heißt wie in „Momo“: Zeit gewinnen, koste es, was es wolle. Denn wie lange sich die Wähler noch mit Abwrackprämien und Aufschwungprognosen ruhig stellen lassen, ist fraglich.
Interessant ist das Verhalten Chinas, das mit asiatischer Höflichkeit die G-20-Beschlüsse von London begrüßt hat, anschließend aber seine Skepsis unverhüllt formulierte, indem es die USA dazu aufforderte, eine verantwortlichere Geldpolitik zu betreiben. Wenn man bedenkt, dass Peking seit 1989 das Disneyland der amerikanischen Kreditträume über den Ankauf von Staatsanleihen finanziert, dann ahnt man, was hinter dieser Mahnung steckt. Die Kreditverschuldung amerikanischer Haushalte wird zurzeit auf zweieinhalb Trillionen US-Dollar geschätzt. Sollte diese Blase platzen, dann war die Implosion des Immobilienmarktes nur ein harmloser Auftakt-Böller. Richtig knallen lassen kann China es, wenn sich mittelfristig der Absatz seiner Waren auf den asiatischen und afrikanischen Märkten rechnet und Dollarverbindlichkeiten in Euros umgeschichtet werden können. Der Preis dafür wird wohl immer noch sehr hoch sein.
Was mag den chinesischen Genossen die Abwrackprämie des westlichen Wirtschaftsmodells wert sein? Wer das für Schwarzmalerei hält, dem sei Frank Sierens Buch „Der China-Schock“ empfohlen, das ich auf dem Rückflug nach Europa mit großem Gewinn gelesen habe. Trotz Zeit-Verlust.
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America in diesem Frühjahr zwischen Santiago und Boston.







