Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kasino-Kapitalismus. Alle Mächte des alten und neuen Europa haben sich gegen dieses Gespenst verbündet: der Papst und Putin, Präsidenten und Pop-Politiker, Marktradikale und Sozialdemokraten. Habe ich wen vergessen? Friedrich Schorlemmer und der Spiegel, selbstverständlich.
Aber einer macht nicht mit. Da können sie alle auf allen Kanälen und Konferenzen drohen und dröhnen, „Monster“ und „Managergehälter“ anprangern, er schüttelt nur mit dem Kopf. Josef Ackermann von der Deutschen Bank weiß , dass diese Gespensterhatz zum Polittheater gehört wie der Bonus zum Banker. Er findet es seiner Position und seinem Alter unangemessen, öffentlich Geisterbahn zu fahren und auf Pappkameraden in weißen Laken einzudreschen, auf die mit schwarzer Farbe „Gier“ geschrieben steht. Das macht ihn fast wieder sympathisch.
Ackermann sagt laut, was alle anderen leise hoffen: Wenn die Finanzmärkte sich endlich herablassen und das frisch gedruckte Geld an die Wirtschaft weiterreichen, dann wird es weitergehen wie gehabt. Denn wer sind schließlich „die Finanzmärkte“? Früher war Religion das Opium fürs Volk, heute sind es Regulierungsversprechen. Sie haben gemeinsam, dass ihre Verheißungen nicht von dieser Welt sind.
Aber Kapitalismus ist eben doch kein Volkssport. Deshalb schaffen auch nur Profis 25 Prozent Rendite und steigen dann aus dem Rennen aus, bevor der Motor heißläuft. So wie Roland Berger, der bekannteste Unternehmensberater der Republik, der inzwischen überall verkündet, dass er den Kollaps hat kommen sehen und deshalb schon 2007 alle seine Aktien verkauft hat. Schade, dass er nicht auch der Bundesregierung, die er ebenfalls berät, einen Tipp gegeben hat. Oder hat er – und niemand wollte auf ihn hören? So wie jetzt auf George Soros und dessen Voraussage, dass der Teufelskreis aus sinkendem Konsum und zunehmender Staatsverschuldung in Zukunft immer weitere Kreise ziehen wird, wie ein Malstrom aus ungedeckten Krediten? In den USA hören die Leute lieber dem Großinvestor Warren Buffet zu, der zwar auch viel Geld verloren hat, aber dem Kapitalismus deswegen nicht gram ist. Das wird wieder, ruft er seiner Gemeinde in Omaha zu und sie feiern ihn dafür. George Soros feiert zurzeit keiner.
„Weshalb ist es bei Euch eigentlich so ruhig?“, fragt mein Freund Peter, der früher mal Marx und Marcuse unterrichtet hat und sich über die Franzosen freut, die ihren Eliten wenigstens eine Ahnung davon geben, wie soziale Unruhen aussehen könnten. Weil das deutsche Proletariat heute wesentlich mehr zu verlieren hat als seine Ketten, sage ich. Deshalb nützt die Krise auch nicht Oskar Lafontaine, sondern Guido Westerwelle. Selbst wenn nach dem nächsten „Bad Bang“ noch ein paar Banken und Autobauer untergehen, selbst wenn sich Massenarbeitslosigkeit und Inflation dem zweistelligen Bereich nähern – der Traum von der Wiederkehr der sozialen Marktwirtschaft wird das überleben.
Die Menschen wollen glauben, dass alles wieder so wird, wie es einmal war. Denn es war so schön, Export – und Weltreiseweltmeister zu sein.
Das ist, im Gegensatz zum amerikanischen, der deutsche Traum und Josef Ackermann ist sein Prophet. Die Generation, auf deren Kosten dieser Traum geht, ahnt noch nicht einmal, was auf sie zukommt. Und wenn sie es schwarz auf weiß hat, sind Joseph Ackermann und seine Aktionäre längst in Pension.
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America in diesem Sommer zwischen Boston und Berlin.







