Die Krise hat Dich fest im Griff, schrieb mir meine Redakteurin nach der letzten Kolumne. Ich habe sofort verstanden. Schluss mit General Motors, Fannie Mae und Bernie Madoff! Für den Sommer muss was Positives her, egal was die Banken noch in petto haben. Schließlich will man ja nicht noch am Strand von den dunklen Wolken des Wirtschaftswetters behelligt werden.
Und siehe, kurz vor Redaktionsschluss, als ich an das Positive schon nicht mehr glauben wollte, kam mir ein deutscher Politiker zur Hilfe. Die Europawahl war gerade zu Ende, und Jörn Thießen, Bundestagsabgeordneter der SPD, sprach klar und deutlich aus, wer am Wahlergebnis Schuld war: die Wähler. Als studierter Theologe blieb er bei dieser Einsicht nicht stehen, denn wer Schuld hat, den soll auch Strafe ereilen. Also schlug er vor, die schuldbeladene Schicht der Nichtwähler in Zukunft mit 50 Euro Bußgeld zu belegen, um die Demokratie vor sich selbst zu retten. Ein Wutgeheul brach los, und schon einen Tag später wedelte Jörn Thießen mit einem Bündel Hassmails in die Webcam seines Abgeordnetenblogs.
Das kommt davon, wenn man im Land der Ideen mal eine hat. Ich habe nachgerechnet, was bei dieser Summe und dem Prozentsatz der Nichtwahlbeteiligung zusammengekommen wäre: mehr als 755 Millionen Euro. Wenn man überlegt, wie oft wir an die Wahlurne gebeten werden, könnte sich das lohnen. Vielleicht findet sich auch ein Genosse, der für noch mehr Wahlen plädiert, damit die Bürger es endlich lernen. Mehr Wahlen bringen schließlich auch mehr Strafbescheide. Außerdem könnte der Staat nicht nur Millionen einnehmen, sondern Millionen Hartz-IV-Empfänger einsetzen, die das Wahlstrafgeld eintreiben.
Mein Kollege Jerry, der seit über 40 Jahren die SPD studiert und entsprechend verzweifelt ist, fragte mich, ob ich ihm helfen könne, diese Idee zu verstehen. Ich konnte. Weißt du, sagte ich, der Genosse Thießen hat es vom Pfarrer zum Büroleiter von Rudolph Scharping im Verteidigungsministerium gebracht. Vier Jahre mit Scharping, das geht an niemandem spurlos vorbei. Außerdem ist der Mann der Sektenbeauftragte seiner Partei. Wenn die SPD unter die Fünf-Prozent-Hürde rutscht, könnte er mit der Erfahrung glatt Parteivorsitzender werden.
Denn man kann unbeliebt sein und trotzdem die Welt retten, wie man an Tom Cruise sieht. Vergleichst du jetzt die SPD mit Scientology?, fragte Jerry mich. Wo werde ich, antwortete ich. Die Scientologen haben ein Programm und wissen, wie man an Geld kommt. Dagegen sind 50 Euro Strafe bloß Erdnüsse. Erst wenn sie uns richtig teuer kommt, werden wir die Demokratie wieder schätzen lernen. In diesem Sinne schöne Ferien – und einen Sommer voller Ideen!
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America in diesem Sommer zwischen Berlin und Boston.







