Dieses Mal: A Letter from Italy.
Das Jahr 2009 hat die Unesco zum „Jahr der Astronomie“ erklärt – nicht, weil die Amerikaner vor 40 Jahren auf dem Mond landeten, sondern weil Galileo Galilei 1609 zum ersten Mal sein Teleskop auf den Mond richtete. Er sah zu seinem Erstaunen, dass es dort oben Berge und Täler gab – eine Entdeckung, die Folgen haben sollte. 24 Jahre später musste er vor der Inquisition seine Lehren widerrufen. Bis zu seinem Tod war er Gefangener des Heiligen Offiziums in einem Haus bei Arcetri. Deshalb sind wir nach Florenz gepilgert, um neben der Venus von Botticelli und den Engeln des Fra Angelico auch Galileis Fernrohre zu bewundern.
Im Palazzo Strozzi gab es eine grandiose Ausstellung, die von den ersten Himmelsgloben der Griechen bis zu den Sterntafeln der Renaissance erlesene astronomische Instrumente und Darstellungen von Sammlungen aus aller Welt zeigte. Dort erwartete uns eine Überraschung: Inmitten der Astrolabe und Chronometer ragte Galileis Zeigefinger unter einem Glaszylinder ins Licht der Gegenwart. Wir hatten nach unseren Spaziergängen zwischen Santa Maria Novella und San Miniato zwar schon einiges an Reliquien hinter uns, aber diese Reliquie der Aufklärung war eine unerwartete Entdeckung. Ein Kollege Galileis hatte den Finger anlässlich seiner Umbettung in Santa Croce an sich gebracht und auf einen kleinen Marmorsockel installiert, so dass er dreihundert Jahre lang anklagend gen Himmel deutete, bis sein einstiger Besitzer vom Vatikan rehabilitiert wurde.
Warum, überlegte ich, braucht eigentlich auch die Wissenschaft ihre Reliquien und Heiligenbilder? Weil die Gesetze des menschlichen Fortschritts ebenso unsichtbar bleiben wie das Mysterium der unbefleckten Empfängnis? Die christliche Kunst hat es leichter: Die Madonnen-Modelle waren oft die Geliebten der Maler; entsprechend anmutig sind ihre Bilder. Nach dem Sieg der Französischen Revolution, als Maria der Marianne weichen musste, schuf Delacroix mit seiner Freiheit, die ihre Söhne auf die Barrikaden führt, eine eindrucksvolle Ersatz-Madonna. Doch schon ihrer Nachfolgerin, der Lady Liberty, kam die Erotik abhanden. Nicht besser stand es um die Madonnen der nächsten Revolution: die Mütter und Mädchen des sozialistischen Realismus sind vor allem mit Fahnen und Transparenten beschäftigt, während ihre Männer hinter Riesenteleskopen sitzen und in die strahlende Zukunft schauen.
Eines der Teleskope Galileis hatte Silvio Berlusconi zum G-8 Gipfel nach L‘Aquila fliegen lassen. Ich frage mich, ob unsere Weltenlenker damit in die Zukunft geschaut haben, die ja in den Sternen stehen soll. Neben den Galaxien mahlen bekanntlich die Schwarzen Löcher, die nicht einmal das Licht wieder herausgeben. Angesichts der astronomischen Schulden, die die Haushalte den Schwarzen Löchern der Finanzwelt verdanken, haben die Staatsgäste Berlusconis grandiose Geste wohl mit gemischten Gefühlen betrachtet. Besonders die Physikerin unter ihnen.
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America
in diesem Herbst wieder aus Massachusetts
und Umgebung.







