Die Wall Street begeht in diesem Monat, wenn ich das mal so sagen darf, den ersten Jahrestag der Weltwirtschaftskrise, bei der sich seit 2008 nach konservativen Schätzungen um die 300 Milliarden US-Dollar in Luft aufgelöst haben sollen. Ich will nicht darüber spekulieren, ob solche Summen tatsächlich so einfach verpuffen wie Feuerwerkskörper in der Silvesternacht, sondern einen Blick auf die Nachrufe zum Ende der Party werfen. Das Wall Street Journal, die New York Times, ja selbst Newsweek und der New Yorker zeigten damals – und zeigen noch heute – eine erstaunliche Liebe zur Metapher der Naturkatastrophe. Der weltweite Crash des American Casino wurde – und wird – als Earthquake, Hurrican oder als Tsunami beschrieben. Diese Bilder werden nicht nur von Wirtschaftsjournalisten bevorzugt, sondern auch von Kommentatoren in Fernsehen, Rundfunk und Internet.
Nun gibt es hierzulande schon lange eine fast religiöse Liebe zur Apokalypse, der die Studios von Hollywood ein Genre mit besten Einspielergebnissen verdanken. Je häufiger diese Metaphern verwendet und zur Umgangssprache werden, desto stärker setzt sich die Auffassung durch, bei Wirtschaftskrisen handele es sich um Naturkatastrophen der gehobenen Art. Anders als bei Erdbeben oder Flutwellen gibt es dagegen angeblich noch kein Frühwarnsystem – wenn man mal von den paar whistleblowers absieht, die den jetzigen und die kommenden Crashs mit schöner Regelmäßigkeit vorausgesagt haben. Aber die halten die Masters Of The Universe im Las Vegas der Weltfinanzen für kleinkarierte Spielverderber. Schon beim nächsten Aufschwung sind sie weg vom Nachrichtenfenster.
Naturkatastrophen gelten juristisch als höhere Gewalt, und für die ist bekanntlich niemand verantwortlich. In den USA heißt höhere Gewalt „Acts of God“. Das klingt für mich, als ob es neben Bernie Madoff doch noch einen Schuldigen gibt. Wenn man bedenkt, dass sich die Vereinigten Staaten auch als God’s Own Country feiern, dann fragt man sich, warum Gott so sauer auf sein Land ist. Vielleicht hat er es satt, für die Folgen einer Wirtschaftspolitik verantwortlich gemacht zu werden, die eine seine schönsten Schöpfungen seit hundert Jahren in eine Mülldeponie verwandelt. Und jetzt kommt auch noch der Finanzschrott dazu.
Während ich das schreibe, fällt mir ein, dass in Deutschland ebenfalls ein Jahrestag ansteht. Auch die deutsche Einheit ist nach 1989 mit einer Naturmetapher beschrieben worden. Und Helmut Kohls „Blühende Landschaften“ sind im Osten Realität geworden. An den meisten Orten, wo es zu DDR-Zeiten Industriebetriebe oder Dienstleistungskombinate gab, blühen heute Schwarznessel, Mohn und Goldraute. Als die ökonomische Jahrhundertflut kam, haben Kohls Nachfolger imposante Säck-e voller Steuergelder gegen die Katastrophe aufgetürmt. Aber selbst, wenn diese Dämme brechen, werden die blühenden Landschaften keinen Schaden nehmen. Der Osten Deutschlands hat die Sintflut schon hinter sich.
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America in diesem Herbst wieder aus Massachusetts und Umgebung.







