In diesem Herbst unterrichte ich an unserem College ein Seminar zur Geschichte der DDR in Filmen aus Ost und West. Wir diskutieren solch unsterbliche Streifen wie „Spur der Steine“, „Die Legende von Paul und Paula“ und „Goodbye, Lenin!“. Es ist erstaunlich, wie begeistert die Studentinnen von den alten DEFA-Klassikern sind, in denen tapfere junge Frauen es mit Parteisekretären, Reifenhändlern und sogar mit Manfred Krug aufnehmen. Es dauerte nicht lange, bis dieser Mut Schule machte und sie mir die unvermeidliche Frage stellten: Ist die deutsche Einheit gescheitert oder nicht?
Ein guter Freund hatte mich auf diesen Moment vorbereitet und mir einen Witz erzählt, der früher zum Repertoire von Angela Merkel gehört haben soll, den sie aber seit ihrem Amtsantritt aus dem Programm gestrichen hat: Ein Journalist fragt einen DDR-Bürger, ob er das Leben in der Zone in einem Satz beschreiben könne. Klar, sagt der: Wir wurden von früh bis spät belogen und betrogen. Aha, nickt der Reporter, und heute? Heute ist es genau so: Wir werden von früh bis spät belogen und betrogen. Wollen Sie damit sagen, dass es für Sie gar keinen Unterschied gibt?, fragt der Journalist nach. Oh doch, antwortet der Mann. Heute sind wir dafür sehr, sehr dankbar.
Meine Studentinnen haben gelacht – und gemerkt, dass ich mich um eine Antwort drücken wollte. Ich musste gestehen, dass ich keine habe. Ich glaube diese Antwort kann man frühestens 2030 geben. Dann haben wir den 40. Jahrestag der deutschen Einheit, und ich finde, wir sollten ihr wenigstens so viel Zeit geben wie der DDR. Sie waren einverstanden, dann haben wir „Stilles Land“ von Andreas Dresen gesehen.
In meinem zweiten Seminar unterrichte ich Theater und Politik, da lesen wir Sophokles, Shakespeare und andere Klassiker. Im November ist Schiller dran, der in diesem Monat seinen 250. Geburtstag feiert. Ich habe sein Fragment „Demetrius“ ausgesucht, das eine sehr schöne Parlamentsszene enthält. Nachdem der falsche Zarewitsch Dimitrij von den Woiwoden im Reichstag dem König vorgestellt wird und die Mehrheit des Adels für einen Krieg mit Moskau votiert, durchkreuzt der friedliebende Fürst Sapieha die Intrige mit den Versen: „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn,/Verstand ist stets bei Wen’gen nur gewesen./Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?/Hat denn der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?/Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,/Um Brot und Stiefel seine Stimm verkaufen./Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen./Der Staat muß untergehn, früh oder spät,/Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.“
Es gab eine lange Diskussion über die Vorteile von aufgeklärter Monarchie oder moderner Demokratie, aber die meisten wollten sich lieber von gewählten Vertretern als von geborenen Thronfolgern regieren lassen. Das Schönste war, dass ich in diesem Seminar nicht auf die Frage nach dem Stand der deutschen Einheit antworten musste. Vielleicht wird das Deutsche Theater im Herbst 2030 zum Staatsakt den Demetrius aufführen und dann reden wir mal wieder darüber.







