In diesem Herbst bin ich aus Anlass des 20. Jahrestages der Maueröffnung kreuz und quer durch die USA getourt, von der Ostküste bis in den Wilden Westen. An vielen Universitäten und Colleges begingen die German Departments das Jubiläum unter dem rührenden Motto „Freedom without Walls“, gesponsert vom Auswärtigen Amt. Es gab Vorträge und Filme, Wettbewerbe um den besten Studentenessay, und es wurden jede Menge Mauerstücke gezeigt. Die Krönung war meistens der Abriss einer Mauer aus Sperrholz, die mit Graffiti verziert dekorativ auf dem Campus herumstand. An einem College hatten palästinensische Studenten daneben ein israelisches Mauerstück aufgebaut, aber das musste wieder verschwinden, weil es nicht zum Thema gehörte.
Man darf das mit der Freiheit auch in den Staaten nicht allzu wörtlich nehmen, zumal es ja noch diesen Metallzaun an der mexikanischen Grenze gibt. Aber der gehört auch nicht zum Thema. Ich musste bei den Mauerbegängnissen immer an Ringelnatz denken und seine schöne Verszeile: „Freiheit die ich meine/Gibt es keine.“ Und an Rosa Luxemburg, deren „Freiheit der Andersdenkenden“ oft zitiert wurde, aber niemals im Zusammenhang mit ihrer prinzipiellen Zustimmung zur Revolution und ihrem weniger bekannten Verdikt: „Sozialismus oder Barbarei“.
Aber ich will hier nicht kleinkariert und besserwisserisch herumnörgeln. Die Studenten, die fast alle nach 1989 geboren sind, waren mit viel Fantasie bei der Sache und versuchten zu verstehen, was 40 Jahre Teilung für die Deutschen in Ost und West bedeutet haben. Ein paar von ihnen warfen sogar die Frage auf, ob die Mauer zwischen Arm und Reich inzwischen nicht fast ebenso undurchlässig geworden ist wie die zwischen DDR und Bundesrepublik. Als Dankeschön für soviel kritisches Nachdenken habe ich dann immer Brechts „An die Nachgeborenen“ aufgesagt, das die meisten Studenten noch nie gehört hatten.
Wenn ich nachfragte, was sie gerade im Deutschkurs lasen, dann waren das Kästners „Emil und die Detektive“ oder Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“. Das sind Lehrplanklassiker seit den 60er-Jahren, sie haben den Vorteil, ideologisch unverdächtig zu sein. Kinder, die skrupellose Diebe jagen und alte Frauen, die sich genussvoll rächen, passen in jede politische Großwetterlage. Mit Brecht sieht das anders aus, der musste vor dem House Committee of Un-American Activities auftreten und hat von den Russen in Ost-Berlin ein Theater bekommen. „Brecht ist auch schwer“, erklärte mir ein Professor in Florida.
Wenn ich Zeit hatte, habe ich mir die Inschriften auf den Sperrholzmauern durchgelesen. Auf einer stand ein Zitat von Sascha Sumerkin, den ich nicht kannte: „Wenn es irgend etwas Gutes am Exil gibt, dann den Umstand, dass man früher oder später begreift, dass all die schrecklichen Dinge, für die wir den Kommunismus oder unser unglückseliges Vaterland verantwortlich gemacht haben, leider zur menschlichen Natur gehören.“ Mit diesem Gedanken können wir ja einigermaßen gelassen ins Neue Jahr, in das 20. Jahr der Deutschen Einheit gehen.
Holger Teschke schreibt seinen Letter from America vom Mount Holyoke College in Massachusetts.







