Aber der ehemalige Mississippi-Lotse war nicht der Mann, der seine Gläubiger im Stich ließ. Nachdem Henry H. Rogers, Vizepräsident der Standard Oil Company, sein Konkursverwalter geworden war, überlegte der 60-Jährige, wie er seine Schulden am schnellsten wieder loswerden konnte. Er entschied sich für eine Vortragsreise um die Welt, die ihn im Juli 1895 von Vancouver durch den Pazifik bis nach Australien und Neuseeland führte und von dort über Indien und Südafrika nach England. Sein Biograph Ron Powers bezeichnet das Jahr 1895 als den wahren Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Film wurde erfunden und die Röntgenstrahlen entdeckt, Freud veröffentlichte seine „Traumdeutung“, und Wissenschaftler in den USA und Schweden beobachteten zum ersten Mal ein Phänomen, das wir heute unter dem Namen Global Warming diskutieren. Ab August 1896 schrieb Twain in London seinen Reisebericht „Dem Äquator nach!“, den er ein Jahr später veröffentlichte und dessen schwarzer Humor das nahende Ende des British Empire, das er gerade bereist hatte, vorwegnahm.
Die Einnahmen aus den Vorträgen und Tantiemen erlösten Twain nicht nur von seinen Schulden, sondern brachten ihm auch eine Einsicht, die bis heute gilt: Reisen ist tödlich – vor allem für Vorurteile.
Nun habe ich zwar leider weder fünf Millionen Dollar Schulden noch einen Freund, der CEO bei einem Energieriesen ist, aber die Gelder, die ich in Reisen und Bücher investiert habe, waren auch meine rentabelsten Anlagen. Nachdem die europäischen und amerikanischen Finanzminister die Rettungsmilliarden an die Global Players ohne jegliche bindende Auflagen überwiesen habe, berichten die Nachrichten weltweit von immer neuen Rissen im Fundament des gegenwärtigen Weltreichs. Roland Emmerich hätte seine Katastrophenoper 2012 besser unterm Börsenparkett statt im Erdinneren spielen lassen. Ein sicheres Zeichen für das Ende eines Empire war schon immer, dass es nicht mehr willens oder in der Lage war, aus seinen Fehlern zu lernen Deshalb habe ich mich entschlossen, 100 Jahre nach Mark Twains Tod auf seinen Spuren um die Welt zu reisen und nachzusehen, wie das Global Empire des Casino-Kapitalismus kurz vor dem nächsten Börsenkrach aussieht. Immer eingedenk des Mottos, unter welchem Mr. Twain gereist ist: Auch die Tinte, mit der unsere Geschichte geschrieben wird, ist nur ein flüssiges Vorurteil.
Holger Teschke schreibt seinen Letter demnächst aus Australien, Neuseeland und Samoa.







