In seinem Reisebuch „Dem Äquator nach!“ brachte der von Bankrott und Bankverpflichtungen geplagte Mark Twain auch finanzwirtschaftliche Einsichten unter, die ihn selbst noch an so exotischen Orten wie Mauritius verfolgten. Eine davon lautete: Es gibt zwei Zeiten im Leben eines Mannes, in denen er nicht spekulieren sollte: wenn er es sich nicht leisten kann – und wenn er es kann. Diese Erfahrung müssten nach 2008 auch die Vorstände der großen Geldhäuser gemacht haben. Aber Fehlanzeige – nachdem sie mit Milliarden von Steuergeldern vorm Bankrott gerettet wurden, drehen sie längst wieder das große Rad des globalen Roulettes. Goldman Sachs, JP Morgan Chase und Morgan Stanley wollen in diesem Jahr insgesamt 40 Milliarden Dollar Boni an ihre Mitarbeiter ausschütten. Da ist es nicht verwunderlich, dass Barack Obama mit seiner Geduld am Ende und zu einer grundlegenden Neuregulierung des Bankensektors entschlossen ist. Kaum hatte er sie angekündigt, wiegelte die deutsche Politik, allen voran die Kanzlerin, ab: Solch drastische Maßnahmen seien hierzulande nicht nötig. Das klingt vertraut. Als die Subprime-Blase auf dem US-Immobilienmarkt platzte, wiegelte Angela Merkel ebenfalls ab: Diese Krise betreffe nur den amerikanischen Finanzmarkt, in Deutschland habe es solche Spekulationen nicht gegeben. Ein paar Tage später wurde sie durch die Giftbilanzen der HypoRealEstate, der HSH Nordbank, der Sachsen LB und einer Reihe anderer Landesbanken eines Besseren belehrt.
Was man von den deutschen Banken nicht sagen kann. Sie nehmen sich längst wieder an ihren amerikanischen Kollegen ein Beispiel. Schließlich ist Lloyd Blankfein, der Chef von Goldman Sachs, mit einer geradezu theologischen Begründung seiner Vabanque-Strategie sogar vor einem Kongress-Ausschuss durchgekommen. Er verrichte mit seiner Arbeit den Willen Gottes, teilte er den erstaunten Abgeordneten mit. Das hätten die auch selber wissen können, denn es steht ja Grün auf Weiß auf jedem Dollar: In God We Trust. Auch dazu gibt es eine Fußnote von Mark Twain: Dieser Spruch könnte selbst dann nicht besser klingen, wenn wir an ihn glauben würden.
Die Frage ist nur, wie viele Menschen in Zukunft noch an ein politisches und wirtschaftliches System glauben können, in denen Millionen von ihnen ihre Häuser, Ersparnisse und Pensionen verlieren und die Verursacher weiter mit Millionenboni und Abfindungen versorgt werden, ganz legal selbstverständlich. Vielleicht ist das auch schon der Beginn der geistig-politischen Wende, die Guido Westerwelle dem Land versprochen hat.
Ein großes Nachrichtenmagazin berichtete jüngst, dass die meisten Ermittlungen gegen deutsche Vabanquer wohl folgenlos bleiben werden, weil Vertreter aller Parteien in den Aufsichtsräten der betroffenen Landesbanken gesessen haben. Nichts zu machen, so der resignierte Tenor des aufschlussreichen Berichts. Er erinnerte mich an die Stimmung in der DDR gegen Ende der achtziger Jahre. Genauer gesagt: bis zum Herbst 1989.
Holger Teschke schreibt seine Kolumne in diesem Frühjahr aus Berlin und auf den Spuren Mark Twains.







