Warum Todestage von Dichtern gefeiert werden, ist mir ein Rätsel, aber im Fall von Mark Twain, dessen 100. Todestag am 21. April begangen wird, ist es mir klar. Der US-Schriftsteller gilt in Deutschland immer noch als Humorist und Jugendbuchonkel. Tom Sawyer und Huckleberry Finn machen TV, Funk und Internet unsicher, und über die Arglosen im Ausland lacht man immer noch gerne, weil Amerikaner auf Reisen für Europäer grundsätzlich komisch sind.
Aber Twains späte Schriften, die in den USA erst 30 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurden und selbst dann noch für Empörung sorgten, sucht man hierzulande vergebens. Die US-Ausgaben tragen warnende Untertitel: His Dark Writings (Seine Düsteren Schriften). Das klingt ein bisschen nach Satans Bibliothek, und erklärt wird diese Verdüsterung meistens mit dem frühen Tod seiner beiden Töchter und seiner Frau. Aber wenn man diese Essays und Polemiken liest, wird einem schnell klar, dass das nicht der Grund war, der den Humoristen zum politischen Satiriker gemacht hat. Vielmehr empörten ihn der zunehmende Imperialismus sowie die skrupellose Profitgier und die religiöse Heuchelei, die dieser Entwicklung ihren Segen gab.
Die Politiker beteuerten – damals wie heute – dass sie kein anderes Ziel hätten, als Demokratie, Menschenrechte und Freiheit in jene Länder zu bringen, die unter Diktatur und Willkür litten. Dass diese Länder meistens über Rohstoffe verfügten und in der geopolitischen Interessensphäre der USA lagen, war reiner Zufall. In einer Satire über diesen Segnungen-der-Zivilisation-Trust machte Twain darauf aufmerksam, dass Gerechtigkeit und Freiheit offenbar Exportartikel waren, die man auf dem politischen Markt innerhalb Amerikas nur schwer finden konnte und schrieb: „Es muss zwei Sorten von Amerikanern geben: eine, die die Unterdrückten dieser Welt befreit und eine andere, die ihnen diese gerade gewonnene Freiheit gleich wieder abnimmt, um anschließend ihr Land an sich zu reißen.“
Die Senatoren in Washington ließen Twain daraufhin ausrichten, dass er von Politik keine Ahnung habe und bei seiner Literatur bleiben solle, wenn er sich keinen Ärger einhandeln wolle. Aber Mark Twain ließ sich nicht einschüchtern. Schon als Lotse auf dem Mississippi war ihm seine Unabhängigkeit über alles andere gegangen; daran hielt er auch als Schriftsteller fest. Auf einer Rede vor Gewerkschaftern nannte er 1886 in Hartford Ross und Reiter: „Wer sind die Unterdrücker? Die Kapitalisten, ihre Agenten und ihre Apologeten. Wer sind die Unterdrückten? Die Nationen der Erde und ihre Arbeiter. Warum ist es Recht, dass die Gewinne ihrer Arbeit nicht angemessen verteilt werden? Weil die Verfassungen und die Gesetze es so verordnen.“ Wer so etwas sagt, der muss sich nicht wundern, dass man seinen Todestag feiert.
Aber vielleicht werden die späten Schriften von Mark Twain ja zu seinem 200. Geburtstag übersetzt. Der jährt sich schon im November 2035 und bis dahin sollte das zu schaffen sein. Never to late for a good book, könnte Mr. Twain dann sagen.
Mit diesem Letter from America verabschiedet sich Holger Teschke aus den USA und wird in Zukunft an dieser Stelle seine Kolumne zu Themen aus Deutschland und Europa weiterführen.







