Der Tausch seines Schattens gegen den nie versiegenden Geldbeutel des grauen Herrn hat Schlemihl zu einem ruhelosen Flüchtling gemacht. Die Menschen, die seine Schattenlosigkeit entdecken, ahnen, mit wem dieser Fremde einen Handel eingegangen ist. Sie nehmen sein Geld – und verachten ihn. Selbst nachdem Schlemihl den teuflischen Geldbeutel verflucht und in einen Abgrund geworfen hat, kommt er nicht zur Ruhe. Mit den letzten Talern kauft er ein Paar alte Stiefel, die sich als Siebenmeilenstiefel herausstellen: mit wenigen Schritten gelangt er vom Polarkreis bis zur chinesischen Mauer. Nachdem Schlemihl den Zauber seines Schuhwerks begriffen hat, durchstreift er Europa, Afrika, Asien und Amerika bis an die Küsten der Südsee, um unbekannte Pflanzen zu sammeln und wenigstens so den Menschen von Nutzen zu sein.
Das Faszinierende an Chamissos Geschichte ist nicht nur die Vielschichtigkeit und Aktualität dieser Bilder, sondern auch sein prophetischer Blick. Zwei Jahre nach Abschluss der Erzählung, von 1815 bis 1818, befand sich auch Chamisso als Botaniker auf derselben Reiseroute, auf die er seinen Schlemihl geschickt hat. Allerdings nicht mit Siebenmeilenstiefeln, sondern an Bord der russischen Forschungsbrigg „Rurik“ unter dem Kommando des Kapitäns Otto von Kotzebue. Das Ziel der Reise war die Auffindung einer Schiffspassage durch die Beringstraße, die die Verbindung zwischen Russland und Alaska verkürzen sollte. Ausgerüstet und finanziert wurde sie von der mächtigen „Russisch-Amerikanischen Handelskompagnie“.
Chamissos „Peter Schlemihl“ hat mich seit meiner Kindheit fasziniert, aber seine „Reise um die Welt“ habe ich erst gelesen, als ich selber zur See fuhr. Schon damals, zehn Jahre vor dem Fall der Mauer, hatte ich den Traum, diese Reise eines Tages selber anzutreten und wie Chamisso von Menschen und Schatten auf fremden Schiffen und in fernen Häfen zwischen Kopenhagen und Kamtschatka zu erzählen. Und trotz exotischer Küsten nicht zu vergessen, was der Weltumsegler und Dichter gegen Ende der Reise in sein Tagebuch schrieb:
„Ich habe sehr verschiedene Zustände der Gesellschaft kennen gelernt und Nachbarvölker gleichen Stammes gesehen, von denen diese frei und jene hörig waren. Aber ich habe nimmer den Despotismus zu loben einen Grund gefunden.“
Holger Teschke schreibt seine Logbuch-Kolumne in diesem Jahr auf den Spuren von Adelbert von Chamisso zwischen Europa, Lateinamerika und Ozeanien.







