Ich vermisse die vormittäglichen Lesestunden über der Gischt des Atlantik, die täglich wechselnden Häfen und die Landausflüge zwischen Land's End und Great Bernera. Ich vermisse sogar unsere ukrainische Kabinenstewardess, die immer alle Bücher zugeklappt ins Regal zurückräumte und jeden Tag im Bad ein neues Beispiel ihrer Handtuchfaltkünste hinterließ. Am schönsten waren ihre Schiffe und Vögel und ich übe jetzt heimlich zu Hause.
In meiner Generation gilt es ja als weltläufig, sich über Kreuzfahrtschiffe lustig zu machen und satirische Reiseberichte zu verfassen. Das sind dann entweder Seniorenheime zur See mit Rundumfütterung oder schwimmende Ballermänner für Teenager mit viel Taschengeld. Kreuzfahrer sind uncool. Cool sind dagegen Abenteuertouristen und Extremsportler, die in schöner Regelmäßigkeit in Gletscherspalten verschwinden, von Rebellen gekidnappt werden oder auf Großwildsafaris unter die Räder kommen. Wenn sie dann von den Krisenstäben des Auswärtigen Amtes und lokalen Behörden gerettet werden, haben sie immer viel zu erzählen und füllen jedes noch so große Sommerloch.
Ich finde Abenteuertouristen ziemlich uncool.
Wir hatten jedenfalls eine wunderbare Zeit auf unserem Schiff und haben seit langem nicht mehr so gut lesen, schlafen und schreiben können. Leider kann ich Ihnen hier nicht den Namen der Reederei verraten, denn in einer Kolumne wäre das Schleichwerbung und das gibt nicht nur im Fernsehen Ärger. Ich darf aber berichten, dass man auf einer Kreuzfahrt Sachen lernt, die man nicht erwartet hätte. Zum Beispiel, was in diesem unserem Land, dessen kostbarste Ressourcen angeblich seine klugen Köpfe sind, so alles an klugen Köpfen aufs Altenteil geschoben wird. Zur Energie-, Landwirtschafts- und Sozialpolitik habe ich jedenfalls in den Tagen auf See mehr kluge Analysen gehört als in den letzten Wochen und Monaten an Land. Allerdings auch viel Bedenkliches. So geben immer mehr Kinder ihre pflegebedürftigen Eltern zur Urlaubszeit auf ein Kreuzfahrtschiff ab, weil das billiger ist als eine Rundumpflege. Die Arbeit bleibt dann am Bordarzt und den Kabinenstewardessen hängen, mitunter mehrere Monate lang.
Selbst der zur Abscheu entschlossene Kreuzfahrt-Kritiker hätte es angesichts der Freundlichkeit und Kompetenz der Crew schwer gehabt. Bei vielen dieser Autoren hat man nach der Lektüre ohnehin den Eindruck, sie seien Masochisten zur See. Wobei sie dann ja wiederum sehr viel Spaß haben müssen.
Adelbert von Chamisso war kein Kreuzfahrer. Die „Rurik“ hatte bei ihrer Reise um die Welt weder eine Poolbar noch Stabilisatoren, und am Kapitänstisch ging es schroff und frugal zu. Seine Kammer musste er mit drei anderen Mitreisenden teilen, und während des Tages hielten sich dort mitunter bis zu sieben Offiziere auf. Dennoch ergriff Chamisso die Sehnsucht nach der Weite der Meere schon, als das Schiff gerade wieder im Hafen von Portsmouth lag. „Ich kehre zurück“, schrieb er an seinen Freund Eduard Hitzig in Berlin, „nicht gesättigt von dieser Reise – aber bereit, bald wieder in die Welt hinaus zu segeln.“
Holger Teschke schreibt sein Logbuch auf den Spuren Adelbert von Chamissos zwischen Europa, Amerika und Ozeanien.







