Frau Steel, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit dem Zusammenhang zwischen Ernährung und Stadtplanung und üben heftige Kritik an der Nahrungsmittelindustrie und ihrer Infrastruktur. Was läuft Ihrer Ansicht nach schief?
Carolyn Steel: Die Städte haben den Kontakt zu ihrer Basis verloren: zu den Lebensmitteln und dem Land, das sie hervorbringt. Vor der Industrialisierung hatten Städte eine enge Verbindung mit ihrem Hinterland, das Vieh wurde in die Stadt getrieben, dort gemästet und geschlachtet, Obst und Gemüse wurden in unmittelbarer Nähe der Stadt angebaut. Städte waren Teil eines organischen Kreislaufs – und da es kein Plastik gab, konnte auch der gesamte Abfall diesem Kreislauf wieder zugeführt werden.
Worin liegt das Problem?
Steel: Wir müssen diese Verbindung zwischen Stadt und Land wieder herstellen. Heute haben wir riesige städtische Ballungsräume und tausende von Meilen entfernt landwirtschaftliche Ballungsräume – und die einzige Verbindung zwischen beiden ist ein langer Seeweg oder der Luftraum. Wie anfällig letzterer ist, haben wir gerade beim Ausbruch des isländischen Vulkans erlebt. Wir brauchen eine Art Patchwork zwischen Stadt und Land.
Sitopia nennen Sie – in Anlehnung an den Begriff Utopia – die Städte, die mit ihrer Nahrung in einer idealen Weise umgehen. Wie sieht dieses Sitopia für Sie aus?
Steel: Die Frage ist ein bisschen wie: „Wie sieht ein Mensch aus?“ Sicherlich hat er Arme, Beine, einen Kopf und einen Rumpf, aber Menschen können unterschiedlich groß, unterschiedlich schwer sein, andere Haut- und Haarfarben haben. Was ich sagen möchte ist: Es gibt viele Sitopias. Meines sieht anders aus als Ihres, und vermutlich finden wir keines, das vollkommen ideal ist.
Mir geht es darum anzuerkennen, dass Nahrung einen Wert an sich hat, zu unserer Kultur gehört und in unserem Leben wie in unseren Städten wieder den zentralen Platz zugewiesen bekommt, der ihr gebührt – eben auch bei der Frage, wie wir unsere Städte planen.
Kennen Sie eine Stadt, die diesem Sitopia bereits nahe kommt?
Steel: Viele italienische Städte haben eine enge Verbindung mit dem sie umgebenden Land – und zu den Produkten, die dort angebaut werden. In Italien gibt es sehr ausgeprägte regionale Identitäten, eine starke Landwirtschaft und eine lebendige Esskultur. Es ist sicher kein Zufall, dass die Slow-Food-Bewegung aus Italien kommt. Kennen Sie Siena? Eine wunderbare Stadt und – wenn Sie so wollen – ein ideales Sitopia. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Stadtstruktur seit Jahrhunderten unverändert ist. Siena hat eine sehr dichte Struktur, viele kleine Läden und Restaurants, die die Produkte der Region anbieten.
Sie kritisieren die verloren gegangene Esskultur in Ihrem Heimatland. Wie sehr unterscheidet sich England dabei von anderen europäischen Staaten?
Steel: England ist eine Ausnahme in Europa, aus mehreren Gründen. Wir haben die Industrialisierung viel früher durchgemacht als jedes andere Land. Industrialisierung bedeutet: Die Menschen verlassen das Land, auf dem ihre Nahrung wächst, sie hören auf, ihre Nahrung selbst anzubauen und gehen in die Stadt. So haben wir den Kontakt zur Landwirtschaft und ihren Erzeugnissen verloren.
Mit der Industrialisierung kamen außerdem Lebensmittelimporte, zum Beispiel massenhaft Getreide aus dem mittleren Westen der USA. England hat immer an den freien Handel geglaubt und diese Einfuhren – anders als andere Länder Europas – nicht beschränkt. Überhaupt nimmt England nahezu vollkommen kritiklos alles an, was aus den USA über den Atlantik herüberschwappt. Wir waren die ersten in Europa, die riesige Supermärkte auf der grünen Wiese gebaut haben, die ersten, die industrialisierte Lebensmittel aus den USA übernommen haben. Riesige Supermarktdepots wurde gebaut, um Nachschub lagern zu können. Um dieses System profitabel zu halten, müssen Lebensmittel sehr lange haltbar sein. Dabei geht natürlich Geschmack verloren.
Carolyn Steel ist Architektin und Wissenschaftlerin. 2008 ist ihr Buch „Hungry City. How Food Shapes Our Lives“ erschienen, Verlag Chatto & Windus, London, 2008.

























