Das Thema Energiekrise ist in der Öffentlichkeit dem der Finanzkrise gewichen. Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Energiewirtschaft?
Kurt Mühlhäuser: Die Finanzkrise hat auch dazu geführt, dass der Anstieg der Energiepreise gestoppt wurde, und sie hat durch die zu befürchtende Rezession zu einem vorübergehenden Rückgang der Energiepreise geführt. Die wachsende weltweite Energienachfrage aus den so genannten Schwellenländern auf der einen Seite und das Produzentenoligopol bei Öl und Gas auf der anderen Seite lassen allerdings befürchten, dass die Energiepreise auch in Zukunft weiter steigen werden.
Was bewegt Sie, wenn Sie an die Billion-Euro-Bürgschaftssumme der Bundesregierung für Banken und Sparer denken – und sie mit den Mitteln vergleichen, die zur Erforschung und Einführung Erneuerbarer Energien und alternativer Technologien zur Abwendung der Klimakrise zur Verfügung stehen?
Mühlhäuser: Die Maßnahmen der Bundesregierung waren unumgänglich. Die Finanzmarktkrise wird in absehbarer Zeit bewältigt sein. Die Klimakrise wird uns aber noch sehr lange beschäftigen und erfordert mindestens ebenso konsequentes und schnelles Handeln. Die Erlöse aus der Auktionierung der CO2-Zertifikate sollten deshalb in vollem Umfang für Forschung und Entwicklung Erneuerbarer Energien und Energieeffizienztechnologien ausgegeben werden.
Seit dem offenen Ausbruch der Finanzkrise ist der Benzinpreis auf das Niveau vom Jahresanfang gefallen. Kann man daraus auf eine Entspannungsphase bei Öl- und Gaspreisen schließen oder registrieren Sie andere Entwicklungen auf den internationalen Rohstoffmärkten?
Mühlhäuser: Auch der Ölpreis ist in der jüngsten Zeit im Zuge der Finanzkrise wieder gefallen. Das ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass er in den Monaten zuvor von einem Hoch zum anderen gejagt ist – und dabei als „Energie-Leitwährung“ die Weltmarktpreise für Kohle und Gas mitgezogen hat. Und die Verteuerung dieser Rohstoffpreise schlägt mit einer zeitlichen Verzögerung auf die Endkunden-Preise durch. Sollte der Ölpreis weiter sinken, so wird sich das – allerdings auch erst wieder mit einem zeitlichen Abstand – auf die Strom- und Gaspreise auswirken. Ich befürchte jedoch, dass dies nur eine kurze Entspannung sein wird. Denn: Die Nachfrage nach Energie wird weltweit weiter deutlich zunehmen, vor allem auf Grund des starken Wirtschaftswachstums der Schwellenländer wie Indien und China. Die Reserven nehmen aber ab. Daher müssen wir auf lange Sicht mit weiter steigenden Preisen für Energie rechnen.
Was heißt das konkret für die unmittelbare Preisentwicklung, die Ihre Kunden in München im Herbst und Winter erwartet?
Mühlhäuser: Unsere Einkaufspreise für Erdgas, also die Preise, die wir selbst an unseren Lieferanten für das Erdgas bezahlen müssen, richten sich aufgrund der Ölpreisbindung mit einer Zeitverzögerung von sechs Monaten nach dem Heizölpreis. Das heißt, die Ölpreis-Höchststände vom Sommer werden sich erst jetzt voll auf den Erdgaspreis auswirken. Ähnliches gilt beim Strom. Hier haben wir den Preis seit nunmehr fast drei Jahren konstant gehalten. Die Großhandelspreise jedoch haben sich zwischenzeitlich aufgrund der enorm gestiegenen Kohle- und Gaspreise deutlich verteuert. Alleine der Kohlepreis ist seit Anfang 2007 um rund 70 Prozent gestiegen. Viele andere Versorger haben ihre Erdgas- und Strompreise bereits erhöht. Und auch wir müssen in Kürze die höheren Einkaufspreise an unsere Kunden weitergeben.
Wann und in welcher Größenordnung werden sich die Preise bei Strom und Erdgas verändern?
Mühlhäuser: Wir entscheiden hierüber marktnah und warten die weitere Entwicklung der Beschaffungspreise ab. Wir müssen auch das Verhalten unserer Wettbewerber im Auge behalten. Deswegen möchte ich hier jetzt nicht spekulieren. Wenn die Details feststehen, werden wir unsere Kunden selbstverständlich ausführlich informieren.
Wo haben die Stadtwerke Einflussmöglichkeiten auf die Preisentwicklung und wo nicht?
Mühlhäuser: Wir können uns nicht vom Weltgeschehen abkoppeln. Auf die Weltmarktpreise für Öl, Gas und Kohle sowie auf den Stromgroßhandelspreis haben wir keinen Einfluss. Und diese beeinflussen zu einem ganz erheblichen Teil unsere eigenen Preise. Einen gewissen Gestaltungsspielraum haben wir dort, wo wir selbst Produzent sind, also beim Strom. Beim Erdgas ist unser Spielraum derzeit sehr gering, da wir noch kein Erdgas aus eigener Produktion haben. Wir kaufen das Erdgas selber auf dem Markt ein und sind damit von einigen wenigen Importeuren abhängig. Um hier unabhängiger zu werden, gewinnen wir künftig mit unserer Tochter Bayerngas Norge in Norwegen und Dänemark selbst Erdgas.
Wie viel Risiko steckt in der geplanten Erdgasförderung in Norwegen und Dänemark?
Mühlhäuser: Das Risiko bei der Erdgasförderung soll begrenzt werden. Zum einen durch die Bindung von Portfolien, das heißt die Beteiligung an einer größeren Zahl von Feldern und damit einer Risikostreuung. Zum anderen werden die jeweiligen Projektbeteiligungen sehr konservativ, sehr vorsichtig kalkuliert und damit Risikopuffer in die Berechnung einbezogen.
Wie sehen die Absichten der Stadtwerke aus, sich bei Geothermie-Projekten und Solarprojekten zu beteiligen?
Mühlhäuser: Auch neue Technologien zur Strom und Wärmegewinnung wie die Geothermie sind mit Risiken verbunden. Deshalb ist unser Ziel auch hier, durch eine Beteiligung an einer Vielzahl von Projekten unser Risiko zu streuen und durch ein sukzessives Vorgehen aus den Erfahrungen der einzelnen Projekte zu lernen, das heißt, Risiken zu minimieren. Bei unserem aktuellen Geothermie- Projekt Sauerlach haben von uns nicht erwartetete geologische Formationen zu Mehrkosten beim Bohren geführt, die wir beim nächsten Projekt in Freiham durch Vertikalbohrungen vermeiden wollen. Sowohl bei Photovoltaik-Anlagen als auch bei Solarkraftwerken sind wir derzeit in Verhandlungen.
Zur Person
Dr. Kurt Mühlhäuser (64) steht seit November 1995 als Vorsitzender der Geschäftsführung an der Spitze der Stadtwerke München (SWM). Der promovierte Jurist und Ökonom (Diplom-Kaufmann) begann seine berufliche Laufbahn 1972 im Bayerischen Staatsministerium der Finanzen. Im Jahr 1974 wechselte er zur Stadt München und im Jahr 1985 zu den Stadtwerken. Kurt Mühlhäuser ist verheiratet und hat zwei Töchter.


















































