Wissen die Deutschen nach dem Krisenjahr 2009 jetzt mehr über Wirtschaft als vorher?
Hans Kaminski: Nein, die Menschen wissen jetzt höchstens, dass mehr passieren kann als sie zuvor geahnt hätten. Krisen wie diese führen schnell zur Mythenbildung, die tatsächlichen Ursachen bleiben aber meist unerkannt. Hinzu kommt so etwas wie eine innere Abwehr in der Bevölkerung, sich mit Knappheitsfragen zu beschäftigen. Wie man die Verteilung von Gütern gesellschaftlich organisiert, wie eine Wirtschaftsordnung aussehen kann und welche Konsequenzen das für private Haushalte und für Unternehmen hat: Damit wollen sich nur wenige genauer beschäftigen. In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht deshalb so etwas wie ökonomischer Analphabetismus. Und durch die Krise ist der Glaube an die Erklärungskraft der Ökonomie als Wissenschaft nicht gerade gewachsen. In Deutschland fällt diese Skepsis auf fruchtbaren Boden.
Warum gerade in Deutschland?
Kaminski: Das hat auch mit der deutschen Geschichte zu tun. In diesem Land gab es immer die Tendenz, der Ordnungs-leistung des Staates einen zu hohen Stellenwert einzuräumen. Der Deutsche will zwar frei sein – aber Sicherheit ist ihm immer noch ein bisschen wichtiger. Interkulturelle Studien stellen immer wieder fest, dass in Deutschland die Bedeutung des Staates und das Sicherheitsdenken höher eingeschätzt werden als in anderen, etwa den angelsächsischen Ländern. Lassen Sie es mich so sagen: In den USA ist gewissermaßen die Gesellschaft die Veranstalterin des Staates – in Deutschland ist es genau umgekehrt, der Staat veranstaltet die Gesellschaft. Deshalb werden in Deutschland autoritative Entscheidungen, die von „oben“ herab getroffen werden, eher – wenn auch schimpfend – akzeptiert als andernorts. Manche sagen etwas zynisch: Der Deutsche fängt erst dann an, über seine Freiheit nachzudenken, wenn seine Reisefreiheit angegriffen wird.
Diese Einstellung zum Staat wirkt sich auch aus auf das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft. Der Staat wird in seiner scheinbar weisen Voraussicht komplett überschätzt, die Kräfte der Wirtschaft werden dagegen unterschätzt. Wie man eine richtige Balance schafft, ist in Deutschland immer wieder eine neue Frage. Im Moment herrscht die Auffassung: Der Staat wird es schon richten. – Nichts wird er richten. Der Staat soll seine Aufgaben lösen und für wetterfeste Rahmenbedingungen sorgen, aber er sollte nicht glauben, dass er der bessere Unternehmer ist. Denn für das Versagen des Staates als Unternehmer sind die Beispiele geradezu Legion. Das kann nicht die Alternative sein, und kluge Politiker haben das schon lange erkannt.
Ist das Image der Wirtschaft und ihrer Wissenschaft wirklich so schlecht?
Kaminski: Es gibt die Tendenz, die Ökonomie als Wissenschaft zur Verantwortung zu ziehen für Missstände, die nun in der Krise evident geworden sind – nach dem Motto: Ihr habt nicht gewusst, was da läuft. Hier wird sehr oberflächlich analysiert. Jeder Ökonom weiß nach dem zweiten Semester, dass der Markt nicht alles regelt, sondern dass er eingebettet sein muss in eine stabile staatliche Rahmenordnung. Man tut immer so, als hätten allein die Kräfte des Marktes diese Krise verursacht. Man könnte aber auch fragen: Was hat der Staat eigentlich versäumt, um seine Wirtschaftsordnung wetterfest zu machen?
Selbstverständlich ist die gegenwärtige Krise Ausdruck eines Marktversagens – aber eben auch eines Versagens des Staates. Der Staat ist nicht ohnmächtig, er hat die Möglichkeit, Anreize zu setzen, bestimmte Stellschrauben zu drehen und so das Verhalten der Marktteilnehmer zu beeinflussen.


















