Berührungsängste mit totalitären Regimen hat Albert Speer nicht. Auch in China werde über Stadtplanung diskutiert, sagt er – die Planer aus dem Westen bekämen nur nichts davon mit. Im Übrigen, glaubt er, bauen die Chinesen in 15 Jahren sowieso alles selbst.
Herr Speer, Sie haben sich nicht nur als Architekt, sondern vor allem auch als Stadtplaner und Organisator komplexer Planungsprozesse schon vor langer Zeit auch international einen Namen gemacht. Wie finden Sie Gehör bei den politischen Entscheidungsträgern, wie können Sie Ihre Vorstellungen kommunizieren und auch durchsetzen? Und was hat sich in diesem Sinne in den vier Jahrzehnten, in denen Sie nun tätig sind, verändert?
Albert Speer: Wenn ich die Politik betrachte, dann hat sich nicht viel verändert. Was wir als Planer machen, ist fast ein Randbereich des politischen Geschehens. Als Planer muss man immer wieder selber Anstöße geben.
Lassen Sie uns zunächst mal den Beginn ihres beruflichen Werdegangs betrachten, der Sie zunächst vor allem in arabische Staaten geführt hat.
Speer: Das stimmt nicht ganz. Das Büro habe ich 1964 auf der Grundlage von gewonnenen Wettbewerben gegründet. Abgesehen von Dorfentwicklungsplänen und kleinen Flächennutzungsplänen, haben wir uns damals mit den Stadtsanierungsplanungen von Speyer und Worms beschäftigt. Wir waren die ersten, die solche Pläne gemeinsam mit Soziologen gemacht haben, die in die Städte zogen und dort einige Monate lebten. So interdisziplinär zu arbeiten war damals völlig neu. 1967 benötigte dann ein deutsches Luftaufnahme- Unternehmen einen Planer in Libyen – so begann unsere Auslandtätigkeit, die heute mehr als 50 Prozent unserer Tätigkeit ausmacht.
Übt das Planen im großen Stil, wie es heute wohl nur im Ausland möglich ist und Ihre Tätigkeit insbesondere in China prägt, auf Sie eine besondere Faszination aus? Oder ergreifen Sie nur Chancen, die sich Ihnen – aber längst nicht jedem Architekten oder Stadtplaner – bieten?
Speer: Es ist eher etwas, das sich ergibt. Wir haben ja auch in Deutschland, in den 60er- und 70er-Jahren, Satellitenstädte geplant: in München-Neuperlach oder in Ludwigshafen-Pfingstweide – das waren große Stadterweiterungen. Bei uns in Europa und insbesondere in Deutschland ist die Verstädterung inzwischen weitgehend abgeschlossen. Aber in den Schwellenländern und in der Dritten Welt – nicht nur in China, sondern auch in Saudi Arabien, in Afrika und so weiter – ist sie erst in den Anfängen oder mitten im Prozess. Eine neue Studie von McKinsey lässt mich schaudern: Bis 2025 werden allein in China 350 Millionen Menschen in Städte ziehen – das ist mehr als die Bevölkerung der Europäischen Union oder der Vereinigten Staaten.
Kann man vor einem solchen Hintergrund als Planer, im Verbund mit der Politik, überhaupt noch Entwicklungen planen und steuern?
Speer: Im Sinne eines deutschen Planungsverständnisses, alles städtebaulich- gestalterisch planen und kontrollieren zu wollen, sicher nicht. Aber zum Beispiel in China gibt es mittlerweile ein gut funktionierendes regionales Planungsverständnis, jedenfalls in den großen Regionen, längst noch nicht im ganzen Land. Dort wird politisch festgelegt, wo und wann und mit welchen Bevölkerungszuwächsen Städte expandieren sollen. Dazu kommt, dass man sich solche Mega- Städte auch nicht als eine Stadt vorstellen muss, vielmehr sind sie unterteilt in einzelne Verwaltungsbezirke, die selbstständig agieren. In einer Stadt wie Shanghai kristallisieren sich Unterzentren heraus, eigentlich eigene Städte, die zu einem großen Gebilde zusammenwachsen.
In China und anderen Ländern, die autoritär strukturiert sind, läuft manches anders als wir es mit europäischem Planungs- und Demokratieverständnis gewohnt sind. Ist es für einen Planer leichter, in totalitären Staaten zu wirken, weil man es mit weniger Ansprechpartnern zu tun hat?
Speer: Das glaube ich eigentlich nicht. Es hat einen Vorteil: Wenn in der Politik etwas entschieden ist, dann wird es auch durchgesetzt, während in dem europäischen System selbst vernünftige Entscheidungen gerichtlich über Jahre blockiert werden können.
... oder nach der nächsten Wahl wieder grundsätzlich in Frage gestellt werden können.
Speer: Ich glaube, der Eindruck, dass in einem Land wie China von oben diktiert wird, was zu geschehen hat, völlig falsch ist. Es wird viel diskutiert, aber das machen die Chinesen unter sich, wir als ausländische Planer erfahren dann die Ergebnisse. Wir sind Berater, wir werden angehört, aber bei Entscheidungen sind wir außen vor, die finden woanders statt.
Offenbar wird der Rat deutscher Planer und Architekten in China momentan noch gebraucht. Aber wie sieht es in fünfzehn Jahren aus: Werden die Chinesen dann alles selbst machen können?
Speer: Ja, ziemlich sicher. In der Architektur ist es heute schon so. Es gibt viele gute chinesische Architekturbüros. Viele chinesische Architekten haben in den USA oder in Deutschland studiert, zunehmend aber auch in China selbst, wo es hervorragende Universitäten gibt, die auch sehr viel Wert auf internationale Beziehungen legen. Ich bin der Überzeugung, dass die Chinesen künftig möglichst viel selbst planen wollen. Es wird immer wieder Ausnahmen geben, Prestigeprojekte, die man von irgendwelchen Weltstars bauen lässt, aber zu denen gehören wir ja sowieso nicht, wenngleich wir in China schon viel gebaut haben. Wahrscheinlich werden die Sektoren Stadtentwicklung, Mobilität und Nachhaltigkeit diejenigen sein, in denen die Chinesen noch am längsten Hilfe von außen benötigen werden.
Stichwort „Nachhaltigkeit“. Es scheint, dass Sie mit Ihren Stadtplanungen in China gewisse Standards gesetzt haben.
Speer: Wir haben 2003 einen Wettbewerb für eine internationale Automobilstadt als eine von neun Satellitenstädten von Shanghai gewonnen. Es war der Wunsch der Chinesen, dass eine dieser Städte amerikanisch, eine andere englisch, eine dritte italienisch und unsere eben deutsch geprägt sein sollte. Wir haben im Rahmen der Gesamtplanung ein Städtchen für 50.000 Einwohner entwickelt, von dem bereits ein Drittel gebaut ist. Gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Fichtner haben wir den Chinesen von Anfang an erklärt, dass für den Fall, dass dies wirklich eine „deutsche Stadt“ werden soll, wir auch deutsche Technologien, deutsche Umweltstandards anwenden wollten. Da sind die Chinesen mitgegangen und wir konnten zum ersten Mal in China Häuser bauen, die Doppelfenster haben, gut isoliert sind und über Blockheizkraftwerke an eine zentrale Wärme- und Kälteversorgung angeschlossen sind. Wir und andere deutsche Architekten haben Häuser gebaut, die 50 Prozent mehr Energie sparen als es Standard in China ist. Dieses Beispiel haben die Chinesen zum Anlass genommen, einen neuen Standard für alle Neubauvorhaben gesetzlich vorzuschreiben. Das heißt zwar noch nicht, dass dies schon überall realisiert wird, aber er wird in ganz China allmählich umgesetzt werden.
Blicken wir einmal nach Deutschland: Hat die Architektenschaft hierzulande das Thema Nachhaltigkeit schon auf breiter Front verinnerlicht?
Speer: Ich glaube nicht, aber das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger werden. Wobei ich sehr kritisch bin, was solche Übertreibungen wie „emissionsfreie Städte“ angeht. Im Augenblick ist alles „grün“, bis hinein in die Werbung – das ist absolut übertrieben, um nicht zu sagen hysterisch. Aber dass wir uns mit der Umwelt anders auseinandersetzen müssen, dass wir Fragen der CO2-Emissionen und der Energieeffizienz viel mehr in den Vordergrund stellen müssen, ist richtig. Die Probleme sind dabei aber nicht die Neubauten, sondern die gewachsenen Stadtstrukturen, die nachgerüstet werden müssen – da kommen Riesenaufgaben auf uns zu.
Sie sind derzeit in Deutschland gleich in mehreren großen Städten planerisch tätig, etwa in Köln. Dort arbeiten Sie an einem Masterplan für die gesamte Innenstadt mit 130.000 Einwohnern und 180.000 Arbeitsplätzen. Wie gehen Sie an eine solche Aufgabe heran?
Speer: Im Herbst 2007 wurden wir mit einem städtebaulichen Masterplan für die Zukunftsentwicklung der gesamten Innenstadt beiderseits des Rheins beauftragt. Wir tun das in enger Abstimmung mit der Politik und den Dezernaten. Grundlage ist ein mehrstufiger Kommunikationsprozess, in den alle eingebunden sind, die ihren Finger gehoben haben. Wir haben festgestellt, dass die Bereitschaft, eigene Ideen einzubringen und mitzuarbeiten, enorm hoch ist. Immer wieder staunen wir über die Offenheit und Diskussionsfreudigkeit.
… was mich wiederum erstaunt, denn in Köln sind in der Vergangenheit immer wieder gute Ansätze an einem kleinlichen Kirchturmdenken gescheitert.
Speer: Wir machen Werkstattrunden mit Fachgruppen aus den verschiedenen Dezernaten, und der Eindruck, den wir bisher gewonnen haben, ist, dass alle sehr offen sind – wobei wir in vielen Fällen den Prozess der ressortübergreifenden Kooperation erst anregen mussten. Wir werden den Masterplan bis November 2008 abschließen und dabei ganz klare Projekte definieren sowie Vorschläge für deren Umsetzung in den nächsten zwei, drei Jahren machen. Bis jetzt bin ich sehr optimis tisch, dass dadurch etwas entsteht, was dann auch in der Politik seine Fortsetzung findet. Für Köln ist es ja typisch, dass viele Dinge angefangen, aber dann nicht weitergeführt werden. Wir hoffen, mit unserem strategischen Masterplan eine gewisse Kontinuität auch über Wahlperioden hinweg hinzubekommen, aber ob uns das gelingt, ist völlig offen.
Sind solche komplexen Planungen überhaupt von einem Planungsbüro zu leisten? Oder anders gefragt: Bedarf es dazu eines privaten Stadtplanungsbüros?
Speer: Wir verstehen uns schon lange nicht mehr als reines Stadtplanungsbüro, sondern als Organisatoren und Koordinatoren vieler Themen. Wir haben schon geholfen, die Allianz Arena in München durch- und umzusetzen, angefangen mit der Analyse geeigneter Standorte, der Organisation des Wettbewerbs und der Koordination der planungsrechtlichen Schritte – das sind Dinge, die weit von den normalen Aufgaben eines Stadtplanungsbüros entfernt sind, die sehr stark in die Politik und die Gesellschaft hinein wirken und für die man Unternehmen wie unseres wirklich braucht.
Und solche komplexen Aufgaben können Städte, selbst größere, nicht selbst lösen, trotz des eigenen Stadtplanungsamts und der vielen Dezernate und Referate?
Speer: Wegen der vielen Referate. Unsere Auftraggeber sind froh, dass jemand von außen kommt, der die vielen Aspekte zusammenfasst und alles koordiniert. Bei der Allianz Arena musste gleichzeitig das Stadion als private Baumaßnahme genehmigt und der Bau der mit öffentlichen Geldern finanzierten Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen organisiert werden – und das alles am gleichen Ort. Diese Koordinationsleistung ist enorm, das haben wir auch bei den Planungen für die Olympiabewerbungen mehrerer Städte erlebt.
Sie meinen die Planungen für Frankfurt/ Main für die Sommerspiele 2000 und für Leipzig 2012?
Speer: ... und noch eine weitere für Baku/Aserbaidschan 2016.
Planungen im Kontext einer Olympiabewerbung sind ja grundsätzlich nicht nur auf die 16 Tage der Spiele angelegt, sondern als Impuls für die Stadtentwicklung und -erneuerung gedacht. Zum Beispiel in Leipzig: Was ist denn von den Planungen, trotz des Scheiterns der Bewerbung auf internationaler Bühne, schließlich umgesetzt worden?
Speer: Um die Planung für Leipzig hat sich vor allem mein Partner Friedbert Greif gekümmert, deshalb kann ich die Frage gar nicht detailliert beantworten. Nur soviel: Große Teile der Innenstadterneuerung gehen auf Ideen, die wir seinerzeit für die Olympiabewerbung entwickelt hatten, zurück – und manche Ideen, wie jene, die wir für das Olympische Dorf entwickelt hatten, leben derzeit wieder auf.
Lassen Sie uns zum Abschluss auch noch nach Berlin blicken. Sie haben zu dieser Stadt eine besondere Beziehung, vor allem auch durch Ihren Vater, der unter Hitler Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt war. Sie sind immer wieder zu Wettbewerben und auch zu Vorträgen nach Berlin eingeladen worden, aber Sie haben hier nur wenige Spuren hinterlassen. Bedauern Sie das?
Speer: Der einzige Bereich, in dem wir tätig waren und aus dem auch etwas wirklich Gutes geworden ist, ist die Wissenschaftsstadt Adlershof. Aber ich bedauere nichts und ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass der Name Speer in Berlin nach wie vor eine Rolle spielt. In der Senatsverwaltung hatte ich nicht unbedingt Freunde. Aber die Verantwortlichen in der Verwaltung haben inzwischen gewechselt. Kürzlich sind wir für das Projekt „Heidestraße“ (Stadtquartier am Hauptbahnhof) eingeladen worden – und dass wir uns dort nicht durchgesetzt haben, lag auch an unserem Entwurf, der vielleicht nicht genügend die Langsamkeit des Projektes berücksichtigt hat, das sich über einen Entwicklungsprozess von 20 Jahren erstrecken wird – da fehlte eine gewisse Flexibilität in der städtebaulichen Grundhaltung.
Und wie beurteilen Sie die Stadterneuerung Berlins seit der Wiedervereinigung?
Speer: Die Gesamtsituation von Berlin kann ich kaum beurteilen. Ich finde die Wiederherstellung der Friedrichstadt mit den Straßenräumen und der Nutzungsmischung gut, aber ich halte es für eine Katastrophe, dass man versucht hat, dieses Prinzip der gesamten Stadt überzustülpen, selbst den neuen Vorstädten. Eine Metropole wie Berlin braucht unterschiedliche Stadträume, unterschiedliche Ansätze und in vielen Fällen auch größere Freiheiten. Ich glaube nicht, dass das, was in Berlin gemacht wurde, in der Zukunft Bestand hat.
Zur Person
Albert Speer junior wuchs in Berchtesgaden auf. Sein Vater Albert Speer war in der NS-Zeit Generalbauinspektor, Reichsminister und saß nach dem Nürnberger Prozess 20 Jahre im Kriegsverbrechergefängnis. Nach seiner Schreinerlehre begann Albert Speer junior Architektur zu studieren und arbeitete in Deutschland, Schweden und der Türkei. Um durch eigene Leistungen und nicht wegen des Namens seines Vaters anerkannt zu werden, nahm er anonym an Ausschreibungen teil. 1964 gewann er den zweiten Preis eines internationalen Wettbewerbs zur Innenstadtkonzeption in Ludwigshafen. Daraufhin gründete er sein eigenes Büro für Stadtplanung in Frankfurt.















































