Michael Ende erzählte gern die Geschichte, wie er nach Erscheinen seines Romans „Momo“ nach Davos zum Weltwirtschaftsgipfel eingeladen wurde, um dort einen Vortrag zu halten. Da er keine Lust hatte, seine Ansichten zur Weltwirtschaft noch einmal umzuformulieren, las er den versammelten Politikern und Managern das Schlusskapitel von „Momo“ vor, in dem die Welt der grauen Herren zu Staub zerfällt. Als er geendet hatte, herrschte eisige Stille, bis einer der grauen Herren im Publikum aufstand und sagte: „Herr Ende, Sie können schreiben was Sie wollen, aber drei Prozent Wachstum müssen sein!“
So reagierte man in den 80er-Jahren auf unangenehme Wahrheiten, und inzwischen ist der Trotz noch lauter geworden. Drei Prozent Wachstum müssen sein!, rufen die Unternehmen, die Parteien, die Wirtschaftspresse. Je weniger sie das angesichts von Weltwirtschaftskrise, Klimawandel und Ressourcenschwund begründen können, desto lauter rufen sie. Die Welt der grauen Herren darf nicht zerfallen, koste es, was es wolle.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass zur gleichen Zeit, zu der die intellektuellen Eliten dieser Welt postkoloniale Ethik diskutieren, der Neokolonialismus in die Realpolitik zurückkehrt. Damit meine ich nicht nur die chinesische Variante in Afrika, sondern auch den europäischen und nordamerikanischen Neokolonialismus im Nahen Osten und am vielzitierten Hindukusch. Wer drei Prozent Wachstum braucht, braucht Kriege. Insofern hätte Peter Struck ruhig etwas präziser formulieren können: Deutschlands Exportindustrie wird auch am Hindukusch verteidigt. Dass Kriege Wachstumsbeschleuniger sind, ist eine so alte Tatsache wie die Gewinnspannen im Waffenhandel.
Schon in Shakespeares viel zu selten gezeigtem „Timon von Athen“ von 1605 erkennt der Titelheld den Zusammenhang zwischen Geld und Gesellschaft: „Triumph der Menschheit? – Banken./Tod? – Ihr Hauptgeschäft./Ich steh am Abgrund. Grüßt die Götter, die ihr trefft.“
Ich habe mich immer gefragt, an welche Götter Shakespeare damals gedacht haben mag. Hat er vorausgesehen, dass aus den Geldwechslern der South Bank eines Tages die Goldmänner der Londoner City werden würden? Auserwählte wie Lloyd Blankfein, die „Gottes Geschäfte“ verrichten? Die gegen Nationen und Währungen spekulieren und Politiker kaufen, die jede Form von Kontrolle verhindern? Wo bleibt dann das Positive?
Von Arnold Gehlens Überlegungen zur Ferne-Ethik und zur intelligenten Selbstbeschränkung unserer Zivilisation bis zu Peter Ulrichs integrativer Wirtschaftsethik sind in den letzten 50 Jahren genügend Ideen entwickelt worden, wie ein Umbau unserer auf Wachstum fixierten Gesellschaft aussehen könnte. Woran es mangelt, sind Politiker, die Willens und in der Lage wären, solche Ideen gegen den Druck der Wachstumsideologen durchzusetzen. Aber das Wachstum an Ideen ist das Einzige, auf das es in Zukunft ankommen wird.
Holger Teschke öffnen ab sofort jeden Monat eine Wunderkammer für Uptown.







