Nach einem Titel für diese Kolumne habe ich im Mai mindestens so verzweifelt gesucht wie die Regierungschefs und ihre Finanzminister nach einem Ausweg aus der Euro-Krise. Eines Morgens beim Rasieren fiel mir „Europanik“ ein und einen stolzen Moment lang glaubte ich, das Wort des Jahres 2010 geprägt zu haben. Dann googelte ich es und fand 18.000 Einträge.
Ein treffendes Wortspiel bleibt es trotzdem, wenn auch kein erfreuliches. Es erinnerte mich an meinen ersten Besuch in New York City im Frühjahr 1989. Nach einem Vortrag an der Columbia University machte mich ein Professor vom German Department am Times Square auf die nationale Schulden-Uhr aufmerksam, die sinnigerweise ein Immobilienmakler gestiftet hatte. Sie zeigte 2,7 Billionen US-Dollar an und mein Begleiter sagte: „Das ganze Land lebt auf Pump. In Deutschland wäre das unmöglich, aber hier findet das jeder normal.“
Heute, wo hierzulande die Schuldenuhr bei 1,7 Billionen Euro angekommen ist, findet auch in Deutschland fast jeder normal, dass wir auf hemmungslosem Pump von kommenden Generationen leben. Roland Koch von der CDU wollte sich dafür neulich mit ein paar kräftigen Einsparungen am Bildungsetat bedanken, und das Geschrei war groß. Dabei wäre das nur konsequent, denn wenn die jungen Menschen rechnen lernten, wäre die Harmonie zwischen den Generationen wohl ein bisschen gefährdet. Und für die zukünftige Eliten der Weltwirtschaft sorgen ja inzwischen ohnehin China und Indien.
Wer das Geld nicht zum Maßstab aller Dinge macht, der hat noch Maßstäbe, wenn das Geld sich verflüchtigt. Aber was wird aus unseren demokratischen Leitkulturen, wenn Euro und Dollar gleichzeitig krachen? Für die asiatischen Volkswirtschaften würden zunächst nur die Exporte teurer und die Märkte kleiner. Doch vielleicht zwingt sie diese Krise dann auch, wirksamere Maßnahmen gegen die Gefahren wachsender sozialer Ungleichheit zu treffen und ihr Gesellschaftsmodell attraktiver zu machen, so wie es der Westen im Kalten Krieg gegenüber dem Osten getan hat. Obwohl die afrikanischen Staaten, in die China jetzt investiert, an einer Demokratieoffensive weniger interessiert sein dürften als an Krankenhäusern, Schulen und Straßen. Die Volksrepublik schichtet seit geraumer Zeit ihre Dollarreserven in Rohstoffe um, denn Rohstoffe, so der US-Finanzguru Jim Rogers, kann keine Notenbank drucken. Wenn Peking auch den Euro umschichtet, dann weiß Brüssel, was die Stunde geschlagen hat.
Ein Blick auf die Schuldenuhren der Alten und Neuen Welt zeigt, dass dieses Szenario alles andere als apokalyptisch ist. Soweit kommt es nicht, beruhigen uns unsere europäischen Volksvertreter. Erst einmal kommt die Fußballweltmeisterschaft. Und gegen Brot und Spiele, den Trost aller müder Cäsaren, ist angeblich noch keine Krise angekommen. Wer Geschichte in der Schule nicht abgewählt hat, weiß es besser.
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